Verharmlosung der DDR nimmt zu

Discounter Woolworth nimmt umstrittene Produkte trotz Protest nicht aus dem Sortiment

Die Erinnerung an die Unterdrückung durch die DDR-Diktatur weicht zunehmend dem nostalgischen Blick auf die „Errungenschaften“ des SED-Regimes. Diktatur, Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl geraten offenbar in Vergessenheit. Selbst viele derjenigen, die die Diktatur noch am eigenen Leib erlebt haben, verdrängen in zunehmend idealisierten Bildern die Lebenswirklichkeit eines diktatorischen Regimes, das 1989 durch seine eigenen Bürger, die ihren Protest friedlich auf die Straße getragen hatten, zu Fall gebracht wurde. Mit zeitlichem Abstand zum Leben im real existierenden Sozialismus wird die Lebenswirklichkeit in der ehemaligen DDR in ein immer milderes Licht getaucht. Längst trauen sich auch ehemalige hochrangige Funktionäre der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit an die Öffentlichkeit und versuchen, ihr Geschichtsbild in den Köpfen der Menschen zu verankern und scheuen sich nicht, öffentlich ehemalige Häftlinge zu verhöhnen.

Zu denken gibt eine Studie der Freien Universität in Berlin, die erschütternde Wissenslücken unter den Berliner Schülerinnen und Schülern in Bezug auf die SED-Diktatur offenlegt. So hält nur etwa die Hälfte der Befragten die ehemalige DDR für eine Diktatur. Dagegen stimmt ein Drittel der Aussage zu, die Stasi sei ein ganz normaler Geheimdienst gewesen. Das geschönte DDR-Bild findet sich unter vielen jungen Ostdeutschen. Hierzu trägt sicherlich der Unterricht in den Schulen ebenso bei wie Gespräche in den Familien und eine Vielzahl von Veranstaltungen, die von der PDS oder ihr nahestehenden Einrichtungen angeboten werden. Brandenburgs CDU-Innenminister Jörg Schönbohm warnt: „Die zahllosen Mauertoten, der Überwachungsapparat der Stasi, die Drangsalierung von Christen und Oppositionellen, die Indoktrination der Jugend und die Beschränkung der Meinungs- und Reisefreiheit beginnen sich im Nebel der DDR-Verklärung aufzulösen.“

Die Verharmlosung des SED-Regimes, die unverantwortliche Bagatellisierung der DDR-Geschichte, hat einen Namen: „Ostalgie“. Keine Rede mehr von Diktatur, Mauerbau, Staatssicherheit und Wahlbetrug, dafür von „Spreewaldgurken“, dem „Ampelmännchen“ und von „Trabant-Geschichten“. Die DDR als putziges Ländchen mit fast kabarettistischem Einschlag. Noch heute werden in Berlin an von Touristen belagerten Attraktionen alte NVA-Uniformen, DDR-Orden und russische Fellmützen verkauft. Einige Läden haben sich auf den Verkauf von „Ostalgie“-Produkten wie Vita-Cola, Club-Cola, Burger Knäckebrot oder Röstfein Kaffe spezialisiert. Bis heute sind DDR-Münzen und DDR-Briefmarken bei Sammlern beliebt. Aber auch andere Attraktionen wie Trabbi-Touren und NVA-Panzer fahren sind pure „Ostalgie“, die die Erinnerungen „an die gute alte Zeit“ wieder auferstehen lassen sollen.

Auf der „Ostalgie“-Welle schwimmt nun auch der Discounter Woolworth – und offenbart dabei zugleich eine bizarre Form firmeneigenen Humors. So bietet der Konzern in seinem Kosmetiksortiment Produkte mit den Namen „Erichs Luxus Duschbad“ und „Harrys Afterschäf“ als „Gag zum Verschenken“ an. Für die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) ist dies freilich kein Gag. Sie wirft dem Warenhauskonzern eine Verharmlosung von Symbolen der DDR-Diktatur vor. „Erich Honecker und Harry Tisch tragen persönliche Schuld am Tode vieler Menschen“, sagt der IGFM-Vorsitzende Karl Hafen. Sie in Form von Gags wiederzubeleben, sei ein unverständlicher Akt von Hochmut und Unwissenheit. Hinter den auf den Packungen verwendeten DDR-Symbolen stünden Zwang, Lüge, Schießbefehl, Bespitzelung und Unterdrückung. Ihre Wiederverwendung drücke ein hohes Maß an unreflektierter Vergangenheitsbewältigung und mangelnder Sensibilität gegenüber den Opfern der DDR-Diktatur aus. Woolworth erklärte dagegen, es liege dem Unternehmen völlig fern, irgendwelche Gefühle zu verletzen. In den Produkten werde eine bewusste Ironisierung der „Ostalgie“-Welle gesehen, die besonders in den neuen Ländern gut ankomme. Zur Kritik der IGFM hieß es: „Wir nehmen das sehr ernst, ziehen das Produkt aber erst mal nicht zurück.“