Verhärtete Fronten auf dem Balkan

Der neu entflammte Streit um den Schutz der serbisch-orthodoxen Klöster im Kosovo offenbart, wie sehr Serbien weiterhin in seinem tragisch

überholten Nationalismus gefangen bleibt Von Stephan Baier

Eine Kontroverse, die schlaglichtartig den Unterschied zwischen dem vereinten Europa und dem uneinigen Balkanraum erhellt: Die Frage, wer für den Schutz der serbisch-orthodoxen Kulturgüter, Klöster und Kirchen im Kosovo zuständig ist, erhitzt derzeit wieder einmal die Gemüter in Belgrad wie in Prishtina.

Da reiste Serbiens Innenminister und Erster Stellvertretender Ministerpräsident, Ivica Dacic, am vergangenen Sonntag in den Kosovo, zu den Klöstern Gracanica und Banjska, um dort zu erklären, Serbien wolle sich an der Bewachung der serbisch-orthodoxen Klöster im Kosovo beteiligen. Die serbische Regierung werde „ein neues Modell“ finden, um die Serben im Kosovo zu unterstützen. Eine offensichtliche Provokation angesichts der Tatsache, dass Serbien sich trotz des eindeutigen Spruchs des Internationalen Gerichtshofes vor wenigen Wochen weiterhin weigert, die Unabhängigkeit des Kosovo anzuerkennen.

Am Montag beeilte sich der kosovarische Innenminister Bajram Rexhepi zu erklären, dass die Stellungnahme Dacics ein unerfüllbarer Wunsch einer Einzelperson sei und die Polizei des Kosovo sehr gut in der Lage sei, die Klöster und das Kulturgut des Kosovo zu schützen.

Belgrad beharrt darauf, der Kosovo sei ein Teil Serbiens

Vordergründig geht es bei dieser Kontroverse um die Sicherheit und den Schutz der serbisch-orthodoxen Kirchen und Klöster, die derzeit von der im Kosovo stationierten Nato-Schutztruppe KFOR wahrgenommen wird. Im Juli hatte die KFOR erklärt, die Bewachung von vier der neun Klöster der kosovarischen Polizei übertragen zu wollen. Vor allem der Obere des Klosters Decani, Bischof Teodosije, reagierte darauf heftig: Er kündigte beim Treffen mit Serbiens Innenminister am Sonntag an, „nach alternativen Lösungen für die Bewachung unserer Kirchen und Klöster“ zu suchen. Auch sollten rund um die Klöster zusätzliche Mauern errichtet werden.

Nun kann man tatsächlich darüber streiten, ob die Zeit für eine Übergabe des Schutzes der serbisch-orthodoxen Kirchen an die kosovarische Polizei bereits reif ist, oder ob die KFOR in der anhaltend heiklen und fragilen Situation des Kosovo nicht noch eine Weile diese Verantwortung tragen sollte. Ebenso lässt sich darüber diskutieren, wieviel internationale – mittlerweile überwiegend von der Europäischen Union geleistete – Begleitung und Hilfestellung die kosovarische Eigenstaatlichkeit noch braucht. Heikel und fragil ist die Lage aber weniger wegen der Gewalt- oder Zerstörungsbereitschaft radikaler Kosovo-Albaner, die sich an den geschichtsträchtigen serbischen Klöstern abreagieren wollen, sondern wegen der hartnäckigen Weigerung nicht nur des serbischen Staates, sondern auch der serbisch-orthodoxen Kirche, die neuen politischen Wirklichkeiten auf dem Balkan anzuerkennen.

Am Dienstag dieser Woche klagte einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten Serbiens, Bozidar Djelic, der auch Minister seines Landes für die europäische Integration sowie Minister für Wissenschaft und technologische Entwicklung ist, einzelne EU-Mitgliedstaaten würden Druck auf Belgrad ausüben und versuchen, die Frage eines künftigen EU-Beitritts Serbiens mit der Änderung seiner Kosovo-Politik zu verknüpfen. Djelic bezeichnete den Kosovo ausdrücklich als „unsere Provinz“ und bekräftigte die Entschlossenheit seiner Regierung, Serbien habe „das Recht, seine territoriale Integrität zu verteidigen“. Wörtlich meinte der Minister: „Es gibt keinen Grund, warum Serbien zum einzigen UN-Mitgliedsstaat gemacht werden soll, in dessen Fall eine einseitige Sezession gerechtfertigt werden sollte.“

Diese Haltung entspricht der offiziellen, auch in der Verfassung Serbiens verankerten Position nahezu aller politischen Kräfte in Belgrad: Unabhängig von den Vorschlägen des UN-Vermittlers Martti Ahtisaari, von der wachsenden Zahl jener Staaten, die den Kosovo mittlerweile anerkannten oder von dem jüngsten Spruch des Internationalen Gerichtshofes, der – von Belgrad angerufen – erklärt hatte, dass die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo „in keiner Weise“ im Widerspruch zum internationalen Recht stehe, beharrt Belgrad darauf, den Kosovo als Teil Serbiens zu betrachten.

Nicht die durchaus berechtigten Überlegungen zum Schutz von Kulturgütern im Kosovo, sondern diese Aufrechterhaltung des Besitz- und Machtanspruchs über den mehrheitlich albanischen Kosovo macht die Äußerungen des serbischen Innenministers zum Skandal und zur Provokation für die Kosovaren. Dazu kommt, dass Ivica Dacic ein Mann mit belasteter Vorgeschichte ist: Der heutige Vorsitzende der Sozialistischen Partei Serbiens war unter Slobodan Milosevic von 1999 bis 2000 Pressesprecher der Sozialistischen Partei und gehörte zum engeren Zirkel um Milosevic. Dessen Name aber wird im Kosovo mit der Gleichschaltung und Serbisierung des Kosovo ab 1989, mit brutaler Unterdrückung der Kosovo-Albaner, mit rassistischer Hass- und Vertreibungspolitik, letztendlich mit dem versuchten Völkermord von 1999 verbunden, welchen erst das militärische Eingreifen der Nato stoppte.

Die Stilisierung des Kosovo zur mythenumwobenen Heimat der Serben, die 1389 gegen die muslimischen Osmanen und nun gegen die mehrheitlich muslimischen Albaner und ihre internationalen Verbündeten verteidigt werden müsse, gewann erst mit Milosevics Aufstieg ihre politische, blutige Dramatik. Wer heute Veröffentlichungen serbischer Regierungsstellen und Äußerungen serbischer Regierungsvertreter liest, wird erschreckt feststellen, dass diese nationalistische Propaganda, die jede Versöhnungspolitik mit den Kosovo-Albanern unmöglich macht, weiterhin Regierungsprogramm ist. Da gibt es nur einseitige Schuldzuweisungen an die Albaner, denen Menschenrechtsverletzungen, Terrorismus und organisierte Kriminalität vorgeworfen werden, aber kein Wort der Entschuldigung oder des Bedauerns wegen der unter Milosevic geschehenen Gräuel.

Bleibt der Balkan ein Spielball der Mächte?

Doch nicht nur serbische Regierungsstellen stilisieren den Kosovo „zum Geburtsort der serbischen Nation“, zum „Jerusalem und Alamo“ der Serben. Auch die Bischöfe der Serbisch-Orthodoxen Kirche sehen den Kosovo als „unser heiliges Land, das Herz und die Seele des serbischen Volkes, unser geistliches Bethlehem und die Wiege unserer Kultur“, wie es in einer Enzyklika heißt. Der neue Patriarch der serbischen Orthodoxie, Irinej, erklärte Ende Juli: „Serbien führt heute eine der größten Schlachten seiner Geschichte, um seine Seele zu retten und sein Heiliges Land Kosovo und Metohija zu verteidigen.“ Immerhin rief der Patriarch das serbische Volk zu einer „friedlichen Verteidigung des heiligen Landes Kosovo und Metohija“, der „Wiege des serbischen Volkes“, auf.

Unter diesen Vorzeichen wird die Bedeutung des sonntäglichen Treffens des serbischen Vizepremiers Dacic mit dem serbisch-orthodoxen Bischof Teodosije im Kosovo klar. Daran kann die wohl ebenso höflich wie schützend gemeinte Präsenz des örtlichen schwedischen KFOR-Kommandanten nichts ändern. Der Kosovo fühlt sich nicht grundlos weiterhin von Serbien bedroht. Dass Russland und China der serbischen Kosovo-Politik im UN-Sicherheitsrat weiterhin den Rücken freihalten, zementiert die Befürchtungen, der Balkan sei – wie im 19. und 20. Jahrhundert – weiterhin ein Spielball der Weltmächte und ein Austragungsort ihrer Stellvertreterkriege.