Unter Druck

Eine aktuelle Studie zeigt: Junge Juden in Europa fühlen sich oft mit Antisemitismus konfrontiert.

Kundgebung gegen Antisemitismus
Junge europäische Juden erfahren deutlicher als ältere Antisemitismus, leben ihr Judentum dennoch offen aus. So lautet das Ergebnis einer jüngsten Studie. Foto: Christophe Gateau (dpa)

In der vergangenen Woche stellte die EU-Grundrechteagentur FRA eine Umfrage vor, die sich mit der Befindlichkeit junger Juden im Alter zwischen 16 und 34 Jahren beschäftigt. Dabei geht es vor allem um die Erfahrung mit Antisemitismus. Um ein Bild über die Situation in Europa zu bekommen, hatte das Londoner Jewish Policy Institute 2 707 Online-Fragebögen von Jüdinnen und Juden in zwölf EU-Ländern, darunter auch Deutschland, ausgewertet.

Nur 14 Prozent der jungen jüdischen Europäer sind sehr religiös

Das Ergebnis lässt aufhorchen: Junge europäische Juden erfahren deutlicher als ältere Antisemitismus, leben ihr Judentum dennoch offen aus. Insgesamt bekennen sich 81 Prozent der jungen jüdischen Europäer stark zu einer jüdischen Identität, die jedoch nicht mit Religiösität verbunden ist. Nur 14 Prozent der jungen jüdischen Europäer sind laut der Umfrage sehr religiös. Das Gedenken an den Holocaust ist der wichtigste Faktor für diese jüdische Identität. Die Unterstützung Israels spielt für die Identität jedoch eine geringere Rolle als für die ältere Generation.

Vier von fünf jungen Jüdinnen und Juden in Europa sagen, dass Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen habe. 45 Prozent tragen in der Öffentlichkeit keine erkennbaren jüdischen Symbole, da sie um ihre Sicherheit besorgt sind. Das erschreckende Ergebnis ist nicht neu. Schon ähnliche Erhebungen aus den Jahren 2012 und 2018 zeigen auf, dass europaweit der Antisemitismus verstärkt als zunehmendes Problem in ihrem Land gesehen wird. 44 Prozent der Befragten sagten, sie seien in den vorausgegangenen zwölf Monaten persönlich antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Zum Vergleich: In der Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen waren es „nur“ 32 Prozent.

Am problematischsten ist Antisemitismus im Netz

Am problematischsten ist nach Ansicht der Befragten der Antisemitismus im Internet und in den sozialen Netzwerken (89 Prozent). Dicht folgt darauf der öffentliche Raum (73 Prozent), die Medien (71 Prozent) und die Politik (70 Prozent).

Spannend in diesem Zusammenhang dürfte sein, dass es, laut der Studie, vor allem an Schulen und Universitäten zu solchen Belästigungen oder sogar Mobbing kommt, besonders von linken und muslimischen Mitschülern, Kommilitonen oder Kollegen. Zu den häufigsten antisemitischen Äußerungen, denen die jungen Jüdinnen und Juden regelmäßig begegnen, zählen Sätze wie: „Die Israelis verhalten sich gegenüber den Palästinensern wie Nazis“ (51 Prozent), „Juden haben zu viel Macht“ (43 Prozent) und „Juden nutzen die Holocaust-Opferrolle zu ihren eigenen Gunsten“ (35 Prozent).

Schuster: Hemmschwelle ist gesunken

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, bestätigt auf Anfrage der Redaktion das Ergebnis der Studie. „Die Ergebnisse der Umfrage der EU-Grundrechteagentur spiegeln leider die Realität wider. In Europa und auch in Deutschland hat der Antisemitismus in den vergangenen Jahren zugenommen.“

Das zeige sich auch in diversen Statistiken. Zum einen werde Antisemitismus im Internet, vor allem in den sozialen Medien, stärker. „Dies wird unter anderem von Rechtsextremisten und von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen angeheizt. Die Hemmschwelle, sich antisemitisch zu äußern, sinkt damit auch insgesamt“, so Schuster.

Zum anderen sei auch der Antisemitismus unter Muslimen problematisch. „Einige Übergriffe in jüngster Zeit gingen von Muslimen aus“, sagt der Präsident des Zentralrates. Daher habe man das Projekt „Schalom Aleikum“ gestartet, das gezielt Antisemitismus unter Muslimen vorbeugen und bekämpfen möchte.

Auch der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, empfindet die Ergebnisse der Studie auf Anfrage „beunruhigend – wenn auch leider nicht sehr überraschend.“ Die Gespräche, die Klein mit jungen Jüdinnen und Juden sowie mit jüdischen Organisationen führe, würden die Ergebnisse der Studie bestätigen.

„Auch den in der Studie erwähnten Zusammenhang
zwischen dem Aufflammen von Spannungen im
israelisch-palästinensischen Konflikt und der Zunahme
von Antisemitismus in Europa kann ich bestätigen“
Antisemitismus-Beauftragter Felix Klein

„Auch den in der Studie erwähnten Zusammenhang zwischen dem Aufflammen von Spannungen im israelisch-palästinensischen Konflikt und der Zunahme von Antisemitismus in Europa kann ich bestätigen“, so Klein.

Gegenüber unserer Redaktion kritisiert der Antisemitismus-Beauftragte, dass dem israelbezogenenen Antisemitismus derzeit in Deutschland der geringste Widerstand entgegenschlage. „Die jährlich von der Bundesregierung veröffentlichte Statistik der politisch motivierten Kriminalität offenbart für das vergangene Jahr einen Anstieg der antisemitischen Straftaten von fast 20 Prozent gegenüber 2017“, so Klein weiter.

Antisemitismus-Beauftragter Klein: Besondere Verantwortung

Die Bundesregierung sehe sich im Hinblick auf die Geschichte in einer ganz besonderen Verantwortung, betont Felix Klein. Der Kampf gegen Antisemitismus habe höchste Priorität. „Darum rufe ich dazu auf, Kommentaren mit Hass und Abwertung im Internet mutig entgegenzutreten und ich setze mich auch für eine EU-weite gesetzliche Regelung vergleichbar mit dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz ein, um eine rechtliche Handhabe gegen Hass im Netz schaffen“, so Klein.