Washington

Trump wirbt für den Lebensschutz

Als erster Präsident in der Geschichte der USA hat Donald Trump beim „March for Life“ teilgenommen. Das ist ein wichtiges Zeichen – aber auch Werbung in eigener Sache.

US-Präsident Trump wirbt für Lebensschutz
Mit seiner Unterstützung für Erzbischof Viganò erhofft Trump sich möglicherweise den Rückhalt konservativ katholischer Wähler. In seinen Beziehungen zum Vatikan begibt er sich mit seinem Tweet zu Viganòs Brief jedoch auf diplomatisches Glatteis. Foto: Patrick Semansky (AP)

Dass Donald Trump quasi uneingeschränkter Zuspruch in der Pro-Life-Community sicher sein würde, war klar, als er vergangene Woche ankündigte, am alljährlichen „March for Life“ in der US-Hauptstadt Washington teilzunehmen – als erster US-Präsident überhaupt. Bill Donohue, Präsident der katholischen Bürgerrechtsorganisation „Catholic League“, ging sogar noch einen Schritt weiter: Er nannte Trump nach seinem Auftritt „die wichtigste christliche Stimme der USA“. Nicht einmal die republikanische Präsidenten-Legende Ronald Reagan könne mit den herausragenden Leistungen Trumps für den Lebensschutz mithalten. Etwas verhaltener äußerte sich der Theologe und Publizist George Weigel. Trumps Rede beim Marsch habe sicher viele Teilnehmer ermutigt. Aber die Lebensrechts-Bewegung sei natürlich „größer als jeder Einzelne, und sie wird weiter wachsen, mit oder ohne die Unterstützung des Präsidenten“, so Weigel gegenüber dieser Zeitung. Überraschend bedeckt mit Kommentaren zu Trumps Auftritt hielten sich indes die US-Bischöfe.

"Zusammen müssen wir die Würde
und die Heiligkeit jedes menschlichen Lebens
schützen, schätzen und verteidigen"
US-Präsident Donald Trump

So oder so: Hohen Symbolcharakter besaß der Auftritt des 45. US-Präsidenten allemal. In seiner Rede betonte Trump, dass jedes Kind ein wertvolles und heiliges Geschenk Gottes sei. „Zusammen müssen wir die Würde und die Heiligkeit jedes menschlichen Lebens schützen, schätzen und verteidigen.“ Und er zählte einige der Maßnahmen auf, mit denen er die Anliegen der Lebensschützer bisher gestärkt habe – wie etwa, konservative Richter für den Supreme Court zu ernennen, oder staatlichen Organisationen die Förderung zu entziehen, wenn sie Abtreibungen anbieten. All das ist richtig. Die Trump-Regierung hat den Lebensschutz bereits mit zahlreichen Maßnahmen gefördert. Daher sollte man dem US-Präsidenten die Aufrichtigkeit zunächst einmal nicht absprechen.

Aber gleichzeitig darf man nicht vergessen: Es ist Wahlkampf. Mindestens mit einem Auge schielte Trump sicher auch darauf, seine Kernklientel zu bedienen. Das zeigte schon seine über „Twitter“ geteilte Begeisterung vor Beginn, welch riesige Menschenmenge auf ihn warte. Den Vorwurf, Trump habe den Marsch instrumentalisiert, erhob beispielsweise der Politologe Steve Schneck, der an der „Catholic University of America“ in Washington lehrt: Die Pro-Life-Bewegung verliere einen großen Teil ihrer moralischen Überlegenheit durch den Schulterschluss mit Trump. In vielerlei Hinsicht stehe die Politik des Präsidenten im Widerspruch zur kirchlichen Lehre, erklärte Schneck gegenüber der Tagespost. „Es war beschämend, den Trump-2020-Wahlkampfbus beim March for Life zu sehen.“ Auch in seiner Rede betonte Trump, wie überwältigend doch das Menschenaufkommen sei und teilte Seitenhiebe an seine politischen Kontrahenten aus. Die „Linke“ sei „hinter ihm her“, weil er „für euch kämpfe und für diejenigen, die keine Stimme haben“. Und sogleich ließ der ehemalige Unternehmer die sich selbst bescheinigte Siegermentalität aufblitzen: „Wir werden gewinnen, weil wir wissen, wie man gewinnt.“

Trump muss um seine treuesten Wähler kämpfen

Das ist jedoch alles andere als ausgemacht: Im Jahr 2020, in dem die Polarisierung innerhalb der US-Wählerschaft so unüberwindbar sein dürfte wie noch nie, muss auch ein Donald Trump um seine lange Zeit treuesten Wähler kämpfen. So ist zweifelhaft, dass Evangelikale, die 2016 mit einer überwältigenden Mehrheit von 80 Prozent für ihn stimmten, dies bei der kommenden Wahl wieder tun werden. Umfragen zeigen, dass deren Geschlossenheit bröckelt. Und auch Katholiken haben - durchaus nachvollziehbare - Vorbehalte gegen Trump.

Und dann wäre da auch noch das Impeachment-Verfahren. Trump muss zwar nicht fürchten, des Amtes enthoben zu werden. Aber einen Schatten wirft das Procedere so oder so auf seien Zeit im Oval Office. Trump jedenfalls tut das, was er angesichts von Angriffen der politischen Gegenseite schon immer tat: mit eigenen wohl gewählten Akzenten kontern, um so seine Angriffsfläche zu verringern. Ein Drahtseilakt, an dem ein Schwergewicht wie Trump noch schwerer werden, aber auch scheitern kann.

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