Syrische Rebellen drängen nach Aleppo

Die Gefahr für dreihunderttausend Christen von Aleppo wächst – Die Kämpfe um das wirtschaftliche Herz Syriens rücken immer näher an die von Christen bewohnten Viertel im Zentrum der Stadt – Vielen bleibt nur noch die Flucht aus der bisher drittgrößten christlichen Metropole des Nahen Ostens. Von Bodo Bost

Syrische Rebellen patrouillieren durch die Straßen in der Nähe Aleppos. Foto: dpa
Syrische Rebellen patrouillieren durch die Straßen in der Nähe Aleppos. Foto: dpa

Vor rund hundert Jahren war das syrische Aleppo für viele Armenier, die 1915 dem Massaker in der osmanischen Türkei entkommen konnten, eine rettender Hafen. Jetzt sind die rund 300 000 Christen in der drittgrößten christlichen Metropole des Nahen Ostens nach Beirut und Kairo in Gefahr. Die 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt im Norden Syriens ist zum blutigen Schauplatz im innersyrischen Bürgerkrieg zwischen dem alawitischen Assad-Regime und der sunnitischen Opposition geworden. Tausende sind bereits auf der Flucht.

Der Name Aleppo, arabisch Halab, stammt der Legende nach von Abraham, der seine Kuh hier gemolken haben soll (nach arabisch halab = melken). Die Stadt selbst ist einer der ältesten urbanen Siedlungsplätze der Menschheit. In der Kreuzfahrerzeit erlangte Aleppo als Bastion der Muslime erstmals historische Bedeutung. In dieser Zeit entstand die Zitadelle, die imposant über der Stadt thront. Einst war die Stadt berühmt für ihre edlen Tücher, die seit der Kreuzfahrerzeit dort produziert und gehandelt wurden. Heute ist die Stadt bekannt wegen einem der größten überdachten Souks Arabiens, wo es nach Gewürzen, die aus offenen Säcken dargeboten werden, duftet. Die Händler stecken Besuchern dort volle Hände Pistazien und raffiniert geröstete Nüsse entgegen. Auch für ihre Leckereien ist die Stadt berühmt. Mit ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Olivenöl- und Olivenseifenmanufakturen ist die Stadt ein wichtiges Handelszentrum für die Region. Aleppo zählt als Wirtschaftsmotor des Landes. Die örtlichen Fabriken produzieren vor allem Textilien und Lebensmittel, Arznei und Zement. Kleine Familienbetriebe fertigen die in ganz Arabien berühmten syrischen Dessous. Die Basaris bildeten den wirtschaftlichen Rückhalt und den Wohlstand der Stadt. Sie machten aus Aleppo das wirtschaftliche Herz Syriens, eine Leistung, die auch der Stabilität des Assad Regimes zugeschrieben wurde. Syrien, das einst bekannt war als das Land der kurzlebigsten Regime in der arabischen Welt, erlebte unter der Herrschaft des Assad Clans eine Periode von vierzig Jahren stabiler Herrschaft. Dies war auch zu Beginn des Aufstandes gegen Baschar al-Assad im März 2011, der zunächst ein Aufstand der Unterschicht gegen wirtschaftliche Benachteiligung war, noch so. Deshalb gehörte in Aleppo auch die sunnitische Bourgeoisie zu den Unterstützern des Assad-Regimes. Lange blieb Aleppo von den Kämpfen verschont. Es gab zwar größere Demonstrationen, die meisten Auseinandersetzungen aber beschränkten sich auf das Gelände der Universität. Erst die Länge des Aufstandes und die Perspektivlosigkeit des Assad-Regimes hat eine Mehrheit der Bevölkerung in Aleppo gegen den Assad-Clan aufgebracht.

Seit osmanischer Zeit ist Aleppo ein bunter Kosmos aus Volksgruppen und Religionen. Sunnitische Araber und Kurden bilden die Mehrheit der lokalen Bevölkerung, aber auch Türken, Aramäer und Armenier lebten bis vor kurzem in Aleppo friedlich miteinander. Alawiten machen etwa fünf Prozent der Bürger aus. Die rund 15 bis 20 Prozent Christen wurden von der sich in den letzten Jahren immer mehr dem konservativen Islam zuwendenden sunnitischen Bevölkerung toleriert. In keiner anderen Stadt Syriens gab es so viele komplett verschleierte Frauen, Tendenz in den letzten Jahren steigend.

In den wohlhabenden Stadtteilen im Zentrum der Stadt wohnen Christen. Zu der Minderheit gehören vor allem Armenier, Maroniten und Orthodoxe. Wie Damaskus hat auch Aleppo an seinen Rändern große Trabantensiedlungen mit ärmerer Bevölkerung, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus dem ländlichen sunnitischen Umland zugezogen ist. Hier vor allem konzentriert sich der Widerstand gegen das Assad-Regime. Im Gefolge dieser Siedlungsbewegung kamen auch viele Kurden aus dem armen Nordosten Syriens nach Aleppo und stellen heute fast 30 Prozent der Bevölkerung.

Mit Beginn der Ramadan-Offensive der Rebellen gegen Aleppo, die sie mit dem hochtrabenden Namen „Mutter aller Schlachten“ benennen, ist es den Rebellen gelungen, im Machtvakuum nach dem Bombenanschlag gegen die Militärführung etwa 20 Prozent der Stadt zu erobern. Die Machtbasis der Rebellen ist vor allem das südwestliche sunnitische Viertel Selahaddin. Die engen endlosen Gassen der Stadt mit ihrem viele kilometerlangen Souk machen es den Rebellen ziemlich einfach, auch im Zentrum Positionen zu erobern. Da jedoch die hier lebende sunnitische und christliche Bourgeoisie noch zum Assad-Regime steht, ist es hier für die Rebellen schwer, ohne Unterstützung der Bevölkerung ihre Positionen zu halten. Nur wenn sich die im Norden von Aleppo lebenden Kurden, die seit September 2011 vom Assad-Regime bewaffnet worden sind, den Rebellen anschließen, besteht die Aussicht, dass die Rebellen die Stadt einnehmen könnten. Danach sieht es allerdings zurzeit nicht aus, da die Kurden nicht im Assad-Regime, sondern in der Türkei, die die Rebellen unterstützt, ihren Hauptfeind sehen. Außerdem sind die Rebellen, die von den Ölstaaten der arabischen Halbinsel unterstützt werden, waffenmäßig der syrischen Armee unterlegen und ohne Unterstützung aus dem Ausland auf hoffnungslosem Posten. Die aus anderen Landesteilen herbeigeholte Armeeverstärkung hat mittlerweile fast die gesamte Stadt abgeriegelt und bereitet eine Offensive zur Rückeroberung der Stadt vor. Die von den Christen bewohnten Viertel im Zentrum der Stadt sind bislang noch weitgehend von den Kämpfen verschont geblieben, allerdings kann sich dies sehr schnell ändern.

„In Aleppo ist die Gefahr von Ausschreitungen gegen Christen dramatisch hoch.“ So äußerte sich der Turiner Soziologe Massimo Introvigne, Koordinator des vom italienischen Außenministerium unterstützten „Observatoriums für Religionsfreiheit“ in einer Mitteilung an die christliche Nachrichtenagentur ZENIT. „In den Reihen der Aufständischen kämpfen unter anderem islamische Ultra-Fundamentalisten, die bereits Entführungen und Morde an Christen zu verantworten haben“, so Introvigne. „Italien fordert Freiheit für alle Syrer, wird aber nur jene Organisationen der Opposition politisch unterstützen, die mit Fakten und nicht nur mit Worten die Rechte der Christen im Lande und die Bestrafung ihrer Verfolger garantieren können.“ „Man darf aber auch nicht vergessen“, heißt es weiter, „dass zahlreiche Christen, die ihrerseits Opfer des Gewaltregimes geworden sind, ebenfalls mit den Aufständischen kämpfen. Eine unkritische Unterstützung Assads, wie sie von manchen vermeintlichen Beschützern der christlichen Bevölkerung betrieben wird, ist naiv und unrealistisch und entspricht auf keinen Fall der Haltung der italienischen Außenpolitik.“

Zur aktuellen Debatte

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, hat sich gegen die Aufnahme von Syrien-Flüchtlingen in Deutschland ausgesprochen. Solche Forderungen seien „völlig fehl am Platze“, sagte der FDP-Politiker am Montag im Südwestrundfunk. Stattdessen solle den Flüchtlingen an ihren derzeitigen Aufenthaltsorten geholfen werden, etwa im Libanon, in Jordanien oder auch in Syrien selbst. „Die Leute wollen dort nicht weg, weil sie die Hoffnung haben, dass die Kämpfe bald vorbei sind.“ Löning bezog sich auf Forderungen von Grünen-Chefin Claudia Roth vom Wochenende. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Volker Kauder, hatte sich dafür ausgesprochen, zumindest Flüchtlingen zu helfen, die der christlichen Minderheit angehören. „Die Christen sind in dem Bürgerkrieg zwischen alle Fronten geraten. Ihre Situation ist wirklich dramatisch“, sagte Kauder der „Bild am Sonntag“. „Wir prüfen derzeit, wie wir zumindest den Christen, die in die Nachbarländer geflüchtet sind, helfen können.“ Kritik am Umgang mit syrischen Flüchtlingen übte hingegen Roth. Die Bundesregierung solle Syriens Nachbarn bei der Unterbringung der Flüchtlinge Hilfe leisten und in dieser Situation auch darüber nachdenken, selbst Flüchtlinge aufzunehmen. DT/dpa