Berlin

Stimme für die Verfolgten

Der Stephanuskreis ist ein Zusammenschluss von Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU-Fraktion, die sich für verfolgte Christen einsetzen. Der Vorsitzende des Kreises, Heribert Hirte, erläutert im Interview, wie dieser Einsatz aussieht.

Kampf gegen Christenverfolgung
Dem Stephanuskreis gehören rund 100 Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion an. Darunter auch der Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, sein Vorgänger Volker Kauder oder der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, Markus Grübel. Foto: Karin Leukefeld (KNA)

Herr Professor Hirte: Sie leiten den Stephanuskreis der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Können Sie dessen Zielsetzung kurz erläutern?

Der Stephanuskreis wurde 2010 als Initiative unseres langjährigen Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder gegründet, der sich bekanntlich besonders für verfolgte Christen im Ausland eingesetzt hat und auch weiterhin einsetzt. Primäres Ziel des Stephanuskreises ist es, sich um die Situation der verfolgten und bedrängten Christen in der ganzen Welt zu kümmern. Wir haben aber sehr früh erkannt, dass die Situation der Christen nur pars pro toto steht, so dass wir uns insgesamt für Religionsfreiheit einsetzen müssen und wollen.

Denn wir haben festgestellt, dass dort, wo die Religionsfreiheit beeinträchtigt ist, auch andere Grund- und Menschenrechte beeinträchtigt sind. Der Stephanuskreis ist eine Initiative der CDU/CSU-Fraktion, aber wir laden gelegentlich Gäste aus anderen Fraktionen ein. Auf der anderen Seite haben wir mit dem Beauftragten für Religionsfreiheit Markus Grübel ein Regierungsamt geschaffen, das von allen Mitgliedern des Parlamentes getragen wird.

Wenn Christen irgendwo auf der Welt verfolgt werden, hört man häufig den Ruf nach der „internationalen Gemeinschaft“. Ein Kreis innerhalb einer Bundestagsfraktion steht in Beziehung zu dieser internationalen Gemeinschaft. Wie kann der Stephanuskreis helfen?

Sie haben es gesagt: „Man hört den Ruf“, dass die Fraktion, der Bundestag, die Bundesrepublik Deutschland tätig werden sollen. Unsere Antwort ist ebenfalls ein Rufen, das laute Zum-Ausdruck-Bringen von Missfallen angesichts bestimmter Situationen, was durchaus wirkt. Wir können zwar nicht die Außenpolitik bestimmen oder Entscheidungen in Entwicklungshilfefragen direkt treffen.

Gewichtige Stimme im Kampf für Religionsfreiheit

Aber angesichts der fast hundert Mitglieder umfassenden Stärke des Kreises sind wir eine gewichtige Stimme, die in die entsprechenden formalen Beschlussgremien im eigenen Land hineinwirkt, was etwa die wirtschaftliche Zusammenarbeit angeht. Schon die Tatsache, dass wir beispielsweise Botschafter von Staaten zum Gespräch einladen, die wegen der Missachtung der Religionsfreiheit im Fokus der internationalen Kritik stehen, zeigt, dass das entsprechende Land unter Beobachtung steht, und dass möglicherweise darauf Schritte folgen könnten.

Ein Beispiel: Über welche Möglichkeiten verfügen Sie, auf Nigeria einzuwirken, wo im Norden des Landes seit langer Zeit Christen verfolgt werden?

Nigeria hat uns mehrfach beschäftigt, als Boko Haram die Mädchen aus der Schule entführte. Boko Haram heißt „Keine Bücher“. Die evangelikale Schule, die die Mädchen unterrichten wollte, war dem im Norden tätigen IS ein Dorn im Auge. Denn sie wollten nicht, dass Mädchen lernen und gebildet werden.

"Die evangelikale Schule [...] war dem
im Norden tätigen IS ein Dorn im Auge.
Denn sie wollten nicht, dass Mädchen
lernen und gebildet werden"

Und wenn andere Religionsgemeinschaften es nicht so sehen, dann stehen sie beim IS auf der „Target“-Liste. Das Wissen um diese Zusammenhänge hat uns in der Überzeugung gestärkt, dass heute bei unseren Entwicklungshilfeentscheidungen gerade die Bildung von Frauen ein zentraler Aspekt ist.

In letzter Zeit sind Christenverfolgungen aus Sri Lanka bekannt geworden ...

In Sri Lanka haben wir etwas beobachtet, was auch in Nigeria eine Rolle spielt. Neben der Religionsauseinandersetzung stehen auch Fragen um Reichtum und Armut im Vordergrund. Die Sensibilität für diese Gesamtzusammenhänge ist wichtig. Ich zitiere dabei gerne den früheren UN-Sonderbeauftragten für Religionsfreiheit Heiner Bielefeldt: „Religion ist meist nicht der einzige Faktor für Verfolgung und Diskriminierung, aber ist ein verstärkender Faktor von ethnischen und Reichtums-Konflikten.“

Wie beurteilen Sie die Beziehungen zwischen Religion und Politik in den verschiedenen Ländern?

Die Vermischung von Religion und Staat besteht in doppelter Richtung: Einige Staaten instrumentalisieren die Religion, um ihre Interessen durchzusetzen. Und umgekehrt gibt es Staaten, die das Gefühl haben, dass die Religion, die sich in ihrem Land bedrängt fühlt, sich deshalb bedrängt fühlt, weil andere Staaten Interessen mitverfolgen. Das ist nicht immer scharf voneinander abgrenzbar, und das macht den Einsatz für Religion in dem Sinne, wie wir sie in Deutschland verstehen, deutlich komplexer.

"Wir glauben, dass Religion eine Suche
nach letzten Wahrheiten,
nach den letzten Antworten, ist"

Wir glauben, dass Religion eine Suche nach letzten Wahrheiten, nach den letzten Antworten, ist. Aber in vielen Ländern spielt die politische Dimension eine nicht unerhebliche Rolle. Religionen – und dies gilt auch für das Christentum – wirken sich in Fragen des täglichen Lebens aus: von Speisegesetzen, etwa in Judentum und Islam, über die Frage des privaten Zusammenlebens – Scheidung, Abtreibung – bis hin zur Sterbehilfe ... Jedes Mal gehen Religion und staatliche Regelung ineinander über, und das ist normal so.

Auch in europäischen Ländern gibt es etwa Anschläge auf Kirchen, beispielsweise in Frankreich. Wie sehen Sie dieses Problem?

Das Hauptproblem in der westlich-europäischen Welt ist nicht die Auseinandersetzung mit anderen Religionen, sondern die Entchristlichung der Gesellschaft. Das Christentum verliert immer mehr die prägende Kraft für die Gesellschaft. Wer nach Frankreich schaut, weiß, dass die laicité française ein Teil der Staatsräson war, dass der Staat dadurch Neutralität gegenüber allen Religionen herstellen wollte. Kirchen sind in staatlichem Eigentum, aber der Staat kümmert sich nicht mehr darum.

"Auch bei uns schwindet der prägende
Charakter des Christentums immer mehr"

Andererseits gibt es sehr aktive Gemeinden. Auch bei uns schwindet – bedauerlicherweise – der prägende Charakter des Christentums immer mehr. Wir haben im Grundgesetz zwar keine Staatsreligion verankert, aber mit der Übernahme der entsprechenden Bestimmungen aus der Weimarer Reichsverfassung haben wir einen religionsoffenen Staat, was die Trennung, aber auch die Akzeptanz bei uns angeht. Dass es in Frankreich mehr Konflikte religiöser Art auch unter dem Stichwort islamische Gewalt gegeben hat als bei uns, das hängt vielleicht damit zusammen. Aber wir werden als Christen auch in Deutschland in eine Lage kommen, in der wir unseren Glauben verteidigen müssen. Was dies für die Gesellschaft mittel- und langfristig bedeutet, das vermag ich nicht vorherzusagen.

 

DER STEPHANUSKREIS
Dem Stephanuskreis gehören rund 100 Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion an. Darunter auch der Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus, sein Vorgänger Volker Kauder oder der Beauftragte der Bundesregierung für Religionsfreiheit, Markus Grübel. Heribert Hirte ist seit März 2014 Vorsitzender der Stephanuskreises. Dem Bundestag gehört er seit 2013 an. Dort vertritt er den Wahlkreis Köln II. Hirte, Jahrgang 1958, ist Jurist. Seit 2000 lehrt er als Professor Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg und leitete dort als Geschäftsführender Direktor das Seminar für Handels-, Schifffahrts- und Wirtschaftsrecht. Seit seiner Wahl in den Bundestag wird er am Lehrstuhl vertreten. Hirte ist katholisch, verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.