Staatstrauer und Freudentänze

Während die Mehrheit der Kubaner dem verstorbenen Diktator Fidel Castro viel Respekt entgegenbringt, freuen sich Exil-Kubaner über seinen Tod. Von Marcela Vélez-Plickert

Cubans gather at Havana's Plaza of the Revolution to bid farewell
Ist das Kunst oder kann das weg? Die Ikonografie, mit der viele Kubaner dem „Comandante en Jefe“ bei den Trauerfeierlichkeiten am Dienstag in Havanna posthum auf den eingeäscherten Leib rückten, kennt beinah keine Grenzen. Foto: dpa
Cubans gather at Havana's Plaza of the Revolution to bid farewell
Ist das Kunst oder kann das weg? Die Ikonografie, mit der viele Kubaner dem „Comandante en Jefe“ bei den Trauerfeierlich... Foto: dpa

Viele Tausende standen geduldig in der Schlange an der Uferpromenade von La Havanna, um dem eingeäscherten Fidel Castro die letzte Ehre zu erweisen. Am Montag und Dienstag pilgerten seine Anhänger ins Zentrum der kubanischen Hauptstadt, seit Mittwoch wird die Urne durch verschiedene Orte des Landes gefahren, damit ihm die Bevölkerung huldigen kann. Der Tod des „Revolutionsführers“ und „Comandante en Jefe“ im Alter von 90 Jahren, der rund ein halbes Jahrhundert Kuba mit eiserner Hand regierte, markiert einen tiefen Einschnitt für die Karibikinsel. Seit er in der Revolution 1959 gemeinsam mit Ernesto „Che“ Guevara die Macht errang, ist der bärtige Kommunist zu einer Legende geworden.

Zahlreiche Staatschefs und internationale Organisationen zollten ihm zu seinem Tod Respekt. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon nannte Castro eine „starke Stimme für soziale Gerechtigkeit“ – obwohl unter seiner Herrschaft geschätzt 10 000 Oppositionelle verschollen sind, vermutlich wurden sie umgebracht. Etwa 2,5 Millionen Kubaner sind ins Exil geflohen und die verbliebene Bevölkerung von elf Millionen lebt in bitterer Armut. Das durchschnittliche Monatseinkommen, das der Staat zahlt, beträgt 640 kubanische Pesos, umgerechnet 25 Dollar. Um Produkte des täglichen Bedarfs einzukaufen, müssen die Bürger in der krassen Mangelwirtschaft Kubas oft viele Stunden oder gar Tage lang suchen.

Nachdem Castro den vorigen Diktator Fulgencio Batista gestürzt und die Macht erobert hatte, brach er mit den Vereinigten Staaten und suchte die Allianz mit der Sowjetunion. Der amerikanische „Imperialismus“ war Castros Hauptfeind. Für Castro waren die von Washington auferlegten Sanktionen zwar eine wirtschaftliche Belastung, doch gleichzeitig eine bequeme Ausrede für die ökonomischen Probleme des Insel-Kommunismus. „Die Blockade hat es Castro erlaubt, sich der Welt als Opfer zu präsentieren“, sagt José Miguel Vivanco, Direktor von Human Rights Watch Americas, nach Castros Tod. „Er hat damit eine außergewöhnliche internationale Solidarität erreicht.“

Die Solidarität und die Sympathien, die das Castro-Regime besonders aus der Linken weltweit genoss, ließen viele über die brutalen Menschenrechtsverletzungen hinwegsehen, darunter zahlreiche Exekutionen ohne Gerichtsurteil und Tausende von politischen Gefangenen. Nach den Zahlen des Archivo Cuba, das über die Menschenrechtsverletzungen des Castro-Regimes Buch führt, gab es vor allem in den ersten Jahren mehr als 5 000 Hinrichtungen, ab den siebziger Jahren ließ Castro seine Gegner in Gefängnissen verrotten. „Meinungsverbrechen“ werden mit zwölf Jahren Haft geahndet, „Subversion“ mit dreißig Jahren. Nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen gibt es bis heute mindestens hundert politische Gefangene, die langjährige Haftstrafen absitzen. Dessen ungeachtet bringt eine große Zahl von Kubanern dem verstorbenen Castro großen Respekt, gar Verehrung entgegen. Havanna war in den Tagen nach seinem Tod eine Stadt wie im Schockzustand. Auf den Straßen, über die sonst die alten Autos rattern, war es viel stiller als sonst.

Ein seltsamer Zufall wollte es, dass Castro just kurz vor der ersten Landung eines American-Airlines-Flugzeugs seit mehr als einem halben Jahrhundert auf der Insel starb. Die mit einer US-Flagge bemalte Maschine ist der erste von 155 Flügen wöchentlich, die sechs US-Luftfahrtgesellschaften von diesem Monat an offerieren. Die Flüge sind Teil des Abkommens, das Präsident Barack Obama und Fidels Bruder Raúl Castro geschlossen haben, der die Regierungsgeschäfte 2006 übernommen hat, als Fidel aus gesundheitlichen Gründen abtrat. Das Abkommen hat mehr Reisen und Überweisungen von Exilkubanern möglich gemacht. Ihr Geld ist mittlerweile eine der wichtigsten Devisenquellen, seit die Milliarden-Hilfen durch verbilligte Öllieferungen aus dem sozialistisch regierten Venezuela ausgetrocknet sind, die nach dem Ende der Sowjetunion das marode kubanischen System über Wasser hielten.

Beginn einer neuen Ära: der Besuch Johannes Pauls II.

Raúl Castro, 85 Jahre alt, gilt als etwas pragmatischer als sein älterer Bruder Fidel. Er hat in den vergangenen Jahren etwas mehr Spielräume für privates Kleinunternehmertum zugelassen, etwa für Restaurants oder Straßengeschäfte. Es sind winzige Inseln der Privatwirtschaft, doch ist die Bedeutung dieser Lockerungsübungen nicht zu unterschätzen. Raúl tastet sich an das chinesische Modell heran, in dem zwar weiterhin ein striktes Herrschaftsmonopol der KP gilt, doch wirtschaftlich eine gewisse Öffnung gestattet wird. Durch das Obama-Abkommen wurde auch ausländischen Investoren die Tür geöffnet, beispielsweise im Tourismus versprechen sich Hotelkonzerne große Chancen auf Kuba.

Der historische Handschlag mit Obama, der im vergangenen März die Verhandlungen besiegelte, die auf Vermittlung der katholischen Kirche zustande kamen, hat auch für viele politische Gefangene Erleichterung gebracht. Mehr als 3 500 Häftlinge wurden entlassen. Andererseits hat das Regime rasch wieder neue politische Gefangene gemacht. In den Monaten Januar bis September dieses Jahres gab es nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen 7 995 Verhaftungen aus politischen Gründen.

In Florida, wo mehr als eine Million Exilkubaner leben, hat die Nachricht vom Tod Fidels Freudenfeiern ausgelöst. Menschen sangen „Freiheit, Freiheit“ auf der Straße. Aber nach Ansicht von politischen Beobachtern wird es auf Kuba keinen schnellen Wandel geben.

Raúl Castro hat vor drei Jahren angekündigt, er werde sich im Februar 2018 zur Ruhe setzen. Wer sein Erbe wird, ist nicht klar. Miguel Díaz-Canel, der 56 Jahre alte Vizepräsident, scheint Favorit für die Nachfolge zu sein. Über ihn ist nur wenig bekannt. Nach Einschätzung der Zeitschrift „Economist“ ist der Elektroingenieur und Armeeoffizier, der zur jüngeren Generation der Parteikader zählt, ein doktrinärer „Verteidiger der Revolution“. Auch unter der jungen KP-Generation werde sich nicht viel verändern, fürchtet der kubanische Schriftsteller Norberto Fuentes, ein früherer Vertrauter von Fidel Castro, der ins Exil nach Miami ging. „Auch wenn es enttäuschend klingt, es wird nicht viel passieren auf Cuba“, meint Fuentes.

Nicht alle sind so pessimistisch. Aus Mexiko meldete sich Carlos Aguaiar Retes zu Wort, einer der von Papst Franziskus jüngst neu ordinierten Kardinäle. Er meint, dass „eine neue Ära der katholischen Kirche auf der Insel anbricht, nachdem sie schwierige Zeiten durchlebt hat“. Aguaiar Retes, früherer Vorsitzender der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz, erinnerte damit an die Verfolgungen, die Katholiken und besonders Geistliche in den frühen Jahren der kubanischen Revolution erlitten hatten. Fidel, der in einem Jesuiten-Kolleg erzogen worden war, ließ kirchliche Schulen schließen und befahl die Verbannung von Nonnen und mehr als hundert Priestern. Insgesamt haben mehr als 2 000 Geistliche und Ordensleute Anfang der sechziger Jahre die Insel verlassen. 1962 wurde Castro nach damaligen Berichten aus der Kirche exkommuniziert.

Erst der Besuch Papst Johannes Pauls II. 1998 markierte den Anfang neuer Beziehungen Castros mit der Kirche. Auf Vermittlung von Papst Franziskus kam die Annäherung der Vereinigten Staaten und Kubas zustande. Der Kirche wurden auch etwas mehr Freiheiten zugestanden, etwa für Pilgerfahrten, es gab eine Amnestie für tausende Priester. Im Gegenzug rief die Kirche zur Unterstützung für die Wirtschaftsreformen auf, die von Raúl Castro propagiert wurden. Wie Raúl nun weitermacht, ist ziemlich unklar, auch, ob der ewige Kleine Bruder sich aus Fidels Schatten freischwimmen kann.

Eine entscheidende Rolle wird spielen, wie sich der neue amerikanische Präsident Donald Trump positioniert. Anders als Obama verurteilte Trump den verstorbenen Fidel mit klaren und harten Worten als Diktator. Trump hat gedroht, das amerikanisch-kubanische Abkommen zu kündigen, wenn es keine entscheidenden Verbesserungen für mehr politische Freiheit gebe. Kritiker jedoch warnen, dass harte Politik aus Washington zur Verhärtung in Havanna führe. Neue Sanktionen könnten ein Rückschritt sein auf dem Weg der Öffnung der Insel.