Staatliche Regelung der Suizidhilfe meint deren Legitimation

AGEAS-Generalsekretär Daniel Beutler über die Vereinbarung, die der Kanton Zürich mit der Organisation „Exit“ schließen will

Der Kanton Zürich steht kurz vor Abschluss einer Vereinbarung mit der Organisation „Exit“ über die Durchführung begleiteter Suizide. Stefan Rehder sprach darüber mit Daniel Beutler, Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Ärztinnen und Ärzte der Schweiz (AGEAS).

Berührt es Sie als Arzt und Schweizer, wenn der Staat, der die Suizidbeihilfe von Organisationen wie „Exit“ bislang nur toleriert hat, nun vertraglich regeln will?

Was mich als Christ und Arzt berührt, ist die Vermessenheit der Sterbehilfeorganisationen, die sich selber als Anwälte der Menschlichkeit und des Selbstbestimmungsrechts verstehen. Bei „Exit“ mag es Expo-nenten geben, die sich einer solchen Ethik verpflichtet fühlen. Im Falle von „Dignitas“ ist das aber blanker Zynismus. Ernüchternd ist, welch breiten Rückhalt die Suizidbeihilfe gemäss Umfragen in der Bevölkerung genießt. Daher dürfte neben liberal humanistischem Gedankengut politisches Kalkül mitbestimmend sein für diesen Vertragsabschluss. Wenn eine Nation mit Terroristen verhandelt oder gar Lösegeld bezahlt, wird sie erpressbar. Insofern schließt eine vertragliche Regelung der Suizidbeihilfe automatisch deren Legitimation ein.

Justizdirektor Notter argumentiert, ein Verbot begleiteter Suizide hätte mehr misslungene Selbsttötungen zur Folge. Daher sei es besser, die Suizidbeihilfe staatlich zu regeln...

Diese Argumentation spiegelt die opportunistische Haltung Notters, der sich politisch gerne an den Mehrheitsverhältnissen orientiert. Ebenso könnte man argumentieren, keine neuen Bahnlinien mehr zu bauen, damit sich die Menschen nicht mehr in suizidaler Absicht vor den Zug werfen können. Jeder Suizidversuch ist eine Tragödie, die missratenen nicht mehr oder weniger als die erfolgreichen. Das Argument der missratenen Selbsttötung wird dadurch relativiert, dass doch etliche Sterbewillige davon abschrecken, Hand an sich zu legen und die Suizidabsicht nicht selten wieder verwerfen.

Die Regelung soll eine Übergangsregelung sein. Fernziel seien Standesregeln, heißt es. Der Suizidbegleiter als eigener „Stand“ – müssten Ärzte das nicht begrüßen und froh sein, hier nicht mehr selbst gefragt zu sein?

Sterbehelfer können keiner Qualitätskontrolle unterzogen werden, zumal sie Komplizen des Todes sind. Auch Standesregeln nützen nichts, wenn diese dazu dienen, sterbewilligen, kranken Menschen in ihrem Leiden die Würde abzusprechen, respektive zu suggerieren, nur der Freitod berge Freiheit und Selbstbestimmung. Groteskerweise entstand in letzter Zeit der Eindruck, die Medizin müsste den von den Sterbehilfeorganisationen besetzten Begriff der Menschenwürde wieder zurückerobern.

In der Fachliteratur wird vielfach bezweifelt, dass der Suizid eine freie Tat sei. Was sagen Sie als praktischer Arzt dazu?

Welcher Mensch ist wirklich selbstbe-stimmt? Jede nicht explizit christlich motivierte Argumentation, welche sich kritisch mit der Suizidbeihilfe befasst, scheint im Schatten eines scheinbar unumstößlichen Selbstbestimmungsrechts zu stehen. Aufgrund dieser verabsolutierten Anwendung des Autonomieanspruchs ist auf der säkularen Ebene immer wieder ein Argumentationsdefizit zu beobachten, welches aufzeigt, wie wenig dem Autonomiebegehren des modernen Menschen im ethischen Diskurs entgegengehalten werden kann. Ausgerechnet am Lebensende scheint die Selbstbestimmung zum Prüfstein der Menschenwürde zu werden und dies nach einem Leben, das von der Geburt weg stets zu einem gewissen Teil fremdbestimmt ist.