Sowjetische Christenverfolgung

Die vor einem Vierteljahrhundert verblichene kommunistische Supermacht setzte auf die Vernichtung der Kirchen und die Auslöschung der Religion. Von Rudolf Grulich

Finstere Zeiten herrschten für gläubige Christen aller Konfessionen während der gesamten Sowjetära
Finstere Zeiten herrschten für gläubige Christen aller Konfessionen während der gesamten Sowjetära. Foto: dpa

Vor 25 Jahren haben wir das Ende der Sowjetunion erlebt. Das größte Staatsgebilde der Welt, das ein Sechstel der Erdoberfläche umfasste, war offiziell am 30. Dezember 1922 nach dem Russischen Bürgerkrieg von Wladimir Lenin gegründet worden und sollte ein freier Zusammenschluss von Völkern und Staaten sein. In fünfzehn Sowjetrepubliken, zwanzig Autonomen Sowjetrepubliken, acht Autonomen Gebieten und zehn Nationalen Kreisen sollte der „Rätebund“, so hieß die Sowjetunion anfangs in deutscher Übersetzung, die Freundschaft von Nationen und Volksgruppen beweisen.

Der Zweite Weltkrieg brachte dem Regime eine große Machterweiterung, da Josef Stalin die ihm 1939 im Molotow-Ribbentrop-Pakt überlassenen Gebiete nicht nur behalten, sondern sogar erweitern durfte. Erst als durch das Afghanistan-Abenteuer Leonid Breschnews Missstände und Proteste in vielen Sowjetrepubliken wuchsen, versuchte der neue Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, mit zaghaften Reformen und durch die von ihm propagierten Schlagworte Perestrojka und Glasnost das durch den Afghanistankrieg angeschlagene sozialistische Staatswesen zu retten.

Aber er scheiterte, weil er den Freiheitsdrang einiger Völker unterschätzte. Einzelne Republiken erklärten ihre Selbstständigkeit, als erste Republik 1990 Litauen, dann 1991 Georgien und andere. Als die Selbstständigkeit der Baltischen Republiken von Moskau im Sommer 1991 anerkannt wurde, schlossen sich andere Republiken an. Ein Putschversuch der alten kommunistischen Garde gegen Boris Jelzin hatte keinen Erfolg, ebenso war der Versuch einer Umwandlung der Sowjetunion in eine „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS) vergeblich.

Bei der Gründung der GUS 1991 in Alma Ata wurde Gorbatschow sogar abgesetzt und trat daraufhin am 25. Dezember zurück. Das Einholen der Roten Fahne mit Hammer und Sichel vom Kreml am 31. Dezember 1991 bedeutete das sichtbare Ende der Sowjetunion.

Wir haben in der Folge erlebt, dass Papst Johannes Paul II. eine Reihe von Staaten besuchte, die bis 1991 zur Sowjetunion gehörten: Armenien, Aserbaidschan, Estland, Georgien, Kasachstan, Lettland, Litauen und die Ukraine. Auch Papst Franziskus hat mit seinen diesjährigen Besuchen in Armenien, Georgien und Aserbaidschan bereits ehemals sowjetische Länder besucht. Was der polnische Papst erreichte, ist bis heute kaum gewürdigt, weil man nicht ermisst, was die fast siebzig Jahre kommunistischer Herrschaft bedeuteten: Es gab jahrzehntelang in weiten Teilen der alten Sowjetunion keine katholische Hierarchie, keine Priesterseminare, keine Klöster.

Wenn Gorbatschow in den Jahren seiner Reformversuche im Westen gelobt wurde, so fand nur selten Erwähnung, dass die Praxis der Religionsfreiheit auch unter ihm bescheiden war. Trotz aller Versprechungen kam es in seiner Zeit als Generalsekretär der Kommunistischen Partei zu keinem neuen Gesetz über die Tätigkeit der Religionen. Weiterhin war die Verordnung Stalins von 1929 in Kraft, durch die die Tätigkeit der Kirchen total eingeschränkt und die Kirchen und Religionsgemeinschaften der Kontrolle des Staates unterstellt worden waren.

Bis heute ist auch kaum bekannt, wie unterschiedlich Stalin die Religionen behandelte. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es eine gnadenlose Kirchenverfolgung aller Konfessionen. Im Weltkrieg besann sich dann Stalin auf die Russische Orthodoxe Kirche, die er mobilisierte, ihr einige Freiheiten gab, wieder einen Patriarchen und Bischöfe zuließ sowie auch Priesterseminare und Klöster. Wie sehr er bis dahin die Orthodoxe Kirche an den Rand des Abgrunds gebracht hatte, ersieht man aus der Tatsache, dass es bis zum Ende der Sowjetunion die meisten orthodoxen Kirchengebäude in den Randgebieten gab, die erst seit 1940 beziehungsweise 1944 von der Sowjetunion besetzt und okkupiert worden waren.

Als 1956 der angeblich liberale Nikita Chruschtschow mit Stalin abrechnete, warf er ihm auch seine positive Kirchenpolitik vor. Unter Chruschtschow wurden erneut orthodoxe Kirchen geschlossen, ebenso Klöster und Seminare. Bei seinem Eintritt in den Ökumenischen Rat der Kirchen gab das Moskauer Patriarchat die Zahl der orthodoxen Kirchengebäude mit 20 000 an. Diese Zahl verringerte sich bald auf 7 000. Es wurden auch Seminare und Klöster geschlossen, weil unter Chruschtschow die Zwanziger-Räte aus Laien die Geschicke der Gemeinden bestimmten und oft Gemeinden auflösten. Die katholische Kirche war die zweitgrößte christliche Kirche in der Sowjetunion. Sie hatte in elf der 15 Unionsrepubliken registrierte Gemeinden, aber nur in Litauen und Lettland Bischöfe und je ein Priesterseminar in Kaunas und Riga. Die meisten Katholiken gehörten dem lateinischen Ritus an; die unierten Katholiken des byzantinischen Ritus in der Ukraine, Weißrussland und Georgien waren verboten, ebenso die unierten Armenier. Dabei konnte die katholische Kirche auf eine lange Tradition in Russland und Osteuropa zurückblicken: Der heilige Papst Klemens, der dritte Nachfolger des heiligen Petrus, starb als Märtyrer auf der Krim. Die Slawenapostel Kyrill und Method brachten seine Gebeine nach Rom, wo sie in der Basilika San Clemente verehrt werden. Franziskaner und Dominikaner wirkten in den Ländern am Schwarzen Meer, im Chanat der Goldenen Horde auch die Jesuiten.

Die Expansion des Großfürstentums Litauen, das sich später mit Polen vereinigte, brachte weite Teile der Kiewer Rus' unter polnische Herrschaft und verbreitete die Lateinische Kirche. Durch die polnischen Teilungen wuchs die Zahl der Katholiken, auch durch die Ansiedlung von Deutschen an der Wolga und am Schwarzen Meer. Zarin Katharina erlaubte katholische Bischöfe und einen Erzbischof von Mohilev, das zum größten Bistum der Welt wurde und ganz Sibirien bis Wladiwostok umfasste. Die Kirchenprovinz Mohilev mit ihren Suffraganbistümern, darunter auch die erst 1847 gegründete russlanddeutsche Diözese Tiraspol mit dem Sitz in Saratow an der Wolga, hatte vor dem Ersten Weltkrieg 1 058 Pfarrkirchen und 258 Filialkirchen mit 717 Kapellen. 1 809 Priester betreuten fast fünf Millionen Katholiken. Am Priesterseminar in St. Petersburg wurde neben den alten Sprachen auch Russisch, Deutsch, Polnisch, Latgalisch und Französisch gelehrt. Das Dekanat Moskau umfasste 33 000 Katholiken.

Im Kampf Lenins und Stalins gegen die katholische Kirche lassen sich drei Etappen unterscheiden: In der ersten wurden die Diözesen liquidiert und alle Bischöfe vertrieben. Bei der zweiten gelang es Stalin, die von Bischof Michel d' Herbigny im Auftrag von Papst Pius XI. geheim geweihte Hierarchie zu zerschlagen. Der dritte Abschnitt setzte ein, als 1939/40 mit Ostpolen und dem Baltikum ganze katholische Gebiete unter sowjetische Herrschaft gerieten, was 1944/45 ein zweites Mal erfolgte.

Erzbischof Eduard von Ropp von Mohilev wurde bereits 1919 inhaftiert und ausgewiesen, sein Nachfolger 1923 zum Tode verurteilt. Als bis 1925 alle Bischöfe vertrieben worden waren, wurden 1926 Geheimbischöfe geweiht, die alle bald entdeckt, verhaftet und vertrieben wurden. Einer von ihnen, der russlanddeutsche Bischof Alexander Frison von Odessa wurde hingerichtet.

Das Beispiel St. Petersburg beziehungsweise Leningrad zeigt das Ausmaß der Zerstörung. Es gab dort einen Erzbischof, ein Domkapitel, eine Geistliche Akademie, ein Priesterseminar und 13 katholische Kirchen. Völlig verschwunden waren bis zum Ende der Sowjetunion neben Erzbischof, Domkapitel, Akademie und Seminar die Kirche des Hl. Kasimir und die Bonifatiuskirche. Die Katharinenkirche auf dem Newski-Prospekt war ein Fahrradlager. Die Kirche Maria Himmelfahrt wurde ein Studentenheim, das Priesterseminar ein Institut der Metallarbeiter. Die Stanislauskirche wurde ein Pelzlager, die Marienkirche ist verschwunden, auch das Pfarrhaus. Die Herz-Jesu-Kirche wurde ein Wohnhaus. Bis 1991 blieb in Leningrad nur die sogenannte französische Kirche übrig, wo Pfarrer Josef Povilonis seit 1965 tätig sein durfte. Auch in Moskau blieb nur eine einzige katholische Kirche. Von den 600 orthodoxen Kirchen Moskaus vor der Oktoberrevolution blieben nur einige kleine Kirchen und Friedhofskapellen. Die meisten katholischen Pfarreien gab es in Litauen und in Lettland, wo es auch Administratoren mit Bischofsweihe gab. Von Riga aus wurde die ganze übrige Sowjetunion (mit Ausnahme Litauens) betreut.

Während es in Litauen und Lettland noch bescheidene Pfarrstrukturen gab, war es im übrigen Staatsgebiet katastrophal. Die großen Republiken Ukraine und Weißrussland, die sogar eigenständige Mitglieder der Vereinten Nationen waren, zählten zwar noch fast hundert beziehungsweise 72 Pfarreien mit Kirchen, hatten aber nur wenige, meist alte Priester. In Georgien war außer einem polnischen Priester in Tiflis nur ein lettischer Priester im Grenzgebiet tätig, in Kasachstan betreuten neun Priester 31 Seelsorgestellen. Keine katholischen Gemeinden gab es in Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan und Usbekistan.

Voll ermessen kann man die damalige Lage erst, wenn wir die Gesetzgebung betrachten. Die Verfassung besagte in Artikel 125: „Die Freiheit der Ausübung religiöser Kulthandlungen und die Freiheit antireligiöser Propaganda werden allen Bürgern zuerkannt.“ Über „religiöse Kulthandlungen“ hinaus war nichts erlaubt, sondern wurde als religiöse Propaganda bestraft, während antireligiöse Propaganda staatlich gefördert wurde. Religionsunterricht war für Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren verboten. Die Eltern waren für die kommunistische Erziehung verantwortlich. Verboten war auch religiöse Laienarbeit und die Caritas-Tätigkeit. „Die Kultdiener (die Priester, Anm.) dürfen sich mit keiner anderen Tätigkeit abgeben als solcher, die auf die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Gläubigen abzielt.“ So hatte 1961 der Sowjet für Religiöse Kulte verfügt.

Seit 1975 kennen wir viele Stimmen von Priestern und Gläubigen, die sich auf die Schlussakte von Helsinki aus dem gleichen Jahr beriefen, in der ausdrücklich auch die Religionsfreiheit als Menschenrecht garantiert wurde. Der Vatikan hatte damals viel für diese Konferenz geleistet, was Josef Rabas in seinem Buch „Der Heilige Stuhl im Dienst der Völkergemeinschaft“ bewies. Damals kamen zahlreiche Samizdat-Texte der „Chronik der katholischen Kirche Litauens“ oder des „Komitees zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen“ in den Westen, wurden übersetzt und veröffentlicht. Der Kongress „Kirche in Not“ in Königstein informierte Jahr für Jahr darüber, ebenso wie die „Tagespost“. Während mutige Priester und Gläubige in der Sowjetunion die Staatsmänner an ihre Unterschrift in Helsinki erinnerten, begnügte sich der Westen mit Schlagworten von vertrauensbildenden Maßnahmen.

Rückblick

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