Sollen Christen an die Waffen?

Wehrdienst – christliche Parteigründung: In Israel streiten christliche Araber darüber, wie sie sich zum jüdischen Staat stellen sollen. Von Oliver Maksan

Er ist ein Politikum ersten Ranges: Der Wehrdienst christlicher Araber in der israelischen Armee. Seit Monaten wird in der christlichen Gemeinschaft Israels darüber gestritten. Befürworter der christlichen Rekrutierung ist Gabriel Nadaf. Der griechisch-orthodoxe Priester aus Nazareth traf sich deswegen im Sommer mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Der ermutigte ihn, unter seinen Glaubensgenossen für den Wehrdienst zu werben. Den Gegnern ging das wohl zu weit: Vergangenen Freitag wurde Nadafs Sohn, der in der israelischen Armee dient, von einem Araber angegriffen und verletzt. Der Vorfall fand bis in die israelische Kabinettssitzung am Sonntag hinein Beachtung. Premier Netanjahu verurteilte den Übergriff. Israel werde körperliche Gewalt gegen Christen, Muslime und Drusen, die in der israelischen Armee dienen wollten, nicht hinnehmen, so Netanjahu.

Israels arabische Staatsbürger – Christen wie Muslime – sind vom Wehrdienst befreit, der in Israel als gesellschaftlicher Schmelztiegel und Schule der Nation betrachtet wird. Man wollte ihnen, die als fünfte Kolonne der Palästinenser in den besetzten Gebieten galten und heute immerhin 20 Prozent der Bevölkerung Israels ausmachen, nicht die sensible Sicherheit des Judenstaates anvertrauen. Umgekehrt identifizierten sich die israelischen Araber nicht mit dem Staat Israel, dessen Gründung sie 1948 als „Nakba“, als Ur-Katastrophe mit Flucht und Vertreibung hunderttausender Palästinenser erlebten. Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 ist Israels Armee zudem Besatzungsarmee in den palästinensischen Gebieten, mit denen die meisten Araber Israels verwandschaftlich eng verbunden sind. Die Wahlenthaltung beträgt im Schnitt um die 50 Prozent. Ihre politischen Vertreter in der Knesset, dem Parlament Israels, sind strikt anti-zionistisch und waren noch nie an einer Regierung beteiligt. Eine Ausnahme sind Drusen und Beduinen. Vor allem die drusische Gemeinschaft, eine heterodoxe islamische Glaubensgruppe, identifiziert sich weitgehend mit dem Staat Israel und nimmt nicht an der palästinensischen Nationalbewegung teil.

Die öffentliche Meinung innerhalb der arabischen Gemeinschaft Israels ist derweil einhellig gegen Nadafs Projekt. Auf Seiten der Kirchenführung stößt der Priester ebenfalls auf Ablehnung. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat hat sich von seinem Engagement ausdrücklich distanziert. Und auch auf katholischer Seite ist man alles andere als begeistert. Weihbischof Giacinto-Boulos Marcuzzo, in Nazareth residierender Patriarchalvikar für Israel, meinte gegenüber dieser Zeitung: „Wir katholischen Bischöfe im Heiligen Land haben uns entschieden dagegen ausgesprochen. Natürlich ist der Wehrdienst an sich eine Frage, die im Ermessen des Einzelnen liegt. Aber hier soll ein Keil zwischen Christen und Muslime getrieben werden. Die israelische Armee, ganz abgesehen davon, dass sie Besatzungsarmee ist, ist der Ort, wo die israelische Ideologie von Israel als jüdischem Staat gelehrt wird. Für einen arabischen Christen kann dies doch nur in der Aufgabe seiner Identität enden. Das hat etwas Selbstmörderisches.“

„Die arabische Gesellschaft islamisiert sich weiter“

Nadafs Bemühungen scheinen indes nicht erfolglos. Im August gab das Büro des Premierministers bekannt, dass es einen signifikanten Zuwachs an christlichen Wehrdienstleistenden gebe. Dienten 2012 nur 35 arabische Christen an der Waffe, wurde für 2013 immerhin mit etwa 100 freiwillig Wehrdienstleistenden gerechnet. Die Streitkräfte führen Rekrutierungsveranstaltungen in Nazareth durch, die angeblich von hunderten Interessierten besucht werden. Mit dem absolvierten Wehrdienst sind viele Vorteile wie verbilligte Kredite verbunden. Rechtsgerichtete israelische Gruppen wie „Im Tirtzu“, eine zionistische Organisation, unterstützen Nadaf und seine Anhänger nach Kräften. Der will viel Zuspruch unter der einfachen arabisch-christlichen Bevölkerung haben. Diese traue sich aus Angst aber nicht, sich öffentlich zu ihm und zu seiner Sache zu bekennen.

Manche Christen wollen noch einen Schritt weiter gehen. Bishara Shlayan, ein griechisch-orthodoxer Christ aus Nazareth will eine pro-israelische christliche Partei gründen. „Wir Christen müssen uns endlich aus dieser fatalen Lage befreien, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Den Juden gelten wir als Araber, und für die muslimische Mehrheit sind wir Christen. Israel ist hier und wird hier bleiben. Unsere Zukunft kann nur in der völligen Integration in den Staat Israel liegen. Wir müssen ihm als loyale Bürger dienen“, so Shlayan im Gespräch mit der „Tagespost“. „Unsere arabischen Parteien haben uns doch nichts gebracht. Mit ihrer kommunistischen Ideologie sind sie nicht weit gekommen. Man muss auch sehen, dass die arabische Gemeinschaft sich zunehmend islamisiert. In Kana, dem Ort des Weinwunders, haben sie im Sommer sogar für den Muslimbruder Mursi demonstriert.“

Weihbischof Marcuzzo hält dagegen: „Welchen Erfolg soll denn eine solche Partei haben? Wir Christen machen gerade zwei Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Abgesehen davon wird so Politik mit Religion vermischt. Das schafft nur religiöse Spannungen. Was wir brauchen, sind Christen, die sich aus christlicher Überzeugung für das Gemeinwohl einsetzen. Dann spielt die Parteizugehörigkeit keine Rolle.“

Amnon Ramnon, Christentums-Experte vom „Jerusalem Institute for Israel Studies“, ist noch unentschieden, wie er diese Debatten einordnen soll. Dieser Zeitung sagte er am Dienstag: „Es ist ja nicht das erste Mal, dass etwa der Wehrdienst für christliche Araber diskutiert wird. Seit den Fünfzigern ist das immer wieder Thema. Bislang aber waren es nur sehr kleine Kreise, die sich für den Wehrdienst aussprachen. Es ist einfach noch zu früh zu sagen, ob es diesmal anders ist. Neu ist allerdings, dass es scheinbar tatsächlich ein zunehmendes Interesse gibt.“ Zur Idee einer christlichen Parteigründung gibt sich Ramnon ebenfalls abwartend: „Auch hier hat es Versuche gegeben. Sollte diese Partei tatsächlich gegründet werden, werden deswegen noch lange nicht alle Christen für sie stimmen. Ich bin sehr skeptisch, was ihren Erfolg anbelangt.“

Insgesamt nimmt Ramnon ein wachsendes Interesse arabischer Christen und muslimischer Mittelstandsfamilien an der wirtschaftlichen Integration in den israelischen Mainstream wahr. „Nicht zuletzt durch den Arabischen Frühling sehen die arabischen Christen Israels, wie es ihren Glaubensgeschwistern in Ägypten oder Syrien geht. Viele sagen sich: In Israel ist für uns zwar nicht alles gut, aber dann doch wieder nicht so schlecht wie dort.“ Die Integration arabischer Israelis ist laut Ramnon aber keine Einbahnstraße. „Es ist alles andere als klar, ob der jüdische Mainstream sie wirklich mit offenen Armen aufnehmen wird, wenn sie anklopfen.“