Säureattacken gegen Frauen im Reich der Ayatollahs

Der Iran scheint ein ruhiges Land in krisengeschütteltem Umfeld zu sein, doch die Mullahs sitzen auf einem Pulverfass. Von Behrouz Khosrozadeh

In der großen zentral-iranischen Stadt Isfahan wurden auf etwa 15 Frauen Säureattacken verübt. Eine von ihnen erlag ihren Verletzungen. Der Vorfall, nur in der Intensität neu, dominiert die öffentliche Debatte im Iran. Viele Iraner vermuten dahinter durch das Establishment aufgestachelte fanatische Milizen. Die Hetzkampagne gegen „schlecht verschleierte Frauen“ hat in diesem Jahr zugenommen. Im Mai befahl der Teheraner Bürgermeister Mohammad-Bagher Ghalibaf die räumliche Trennung zwischen Männern und Frauen in der Stadtverwaltung. Leitungskräfte sollten möglichst nur männliche Bürovorsteher, Assistenten, Sekretäre und Telefonisten beschäftigen. Frauen würden mehr Zeit mit fremden Männern als mit ihren Ehemännern verbringen, so die Begründung.

Irans Parlament unterstützte mehrheitlich diesen Vorstoß des Bürgermeisters. Seit Oktober stehen zwei Gesetzentwürfe mit Aussicht auf Erfolg im Parlament zur Debatte. Das „Gesetz zum Schutz der Sittsamkeit und der Verschleierung“ verbietet die Zusammenarbeit von Frauen und Männern am Arbeitsplatz, im Büro, in Cafés oder Shops zwischen sieben und 22 Uhr. Frauen, die gegen die Verschleierungsordnung in der Öffentlichkeit verstoßen, werden in Erziehungskurse geschickt und mit einem hohen Bußgeld bestraft. Ferner kann Frauen bei einem Verstoß gegen das Verschleierungsgebot im Dienstleistungsbereich 30 Prozent ihres Gehalts gekürzt werden.

Ein geplantes „Gesetz zum Schutz der Sittenwächter“ erlaubt den Vollstreckern, alles was ihnen als unsittlich erscheint, zu durchsuchen, in Häuser, Geschäftsräume, Autos einzudringen und auf Straßen tätig werden. Die Sittenwächter sind meist die für ihre intolerante Haltung bekannten Mitglieder der Bassidsch-Miliz und die gefürchteten „Ansare Hisbollah“, die auf schnellen Motorrädern sehr mobil sind.

Parallel zu den Parlamentsdebatten haben die Imame der Provinzen und sogar Gouverneure die Stimmung angeheizt. In Isfahan kam es in den vergangenen zwei Wochen zu den bisher heftigsten Säureattacken mit 15 Opfern. Die Opfer sind meist leicht verschleierte, junge, hübsche Frauen. Einige von ihnen sind vorher mit einer Handy-Botschaft gewarnt worden, auf ihre sittsame Kleidung zu achten. Den Attacken gingen Äußerungen der zwei Freitags-Imame der Stadt – beide Vertreter des Revolutionsführers Khamenei – voraus. Einer sagte, mündliche Ermahnungen gegen diese Verschleierungsverstöße reichten nicht aus. Man müsse ihnen mit nassen Stöcken begegnen. Die Behörden versuchten zunächst, die Attacken auf die Ebene persönlicher Feindschaften herunterzuspielen. Einige Parlamentsabgeordnete sehen dahinter eine Verschwörung „ausländisch-zionistischer Geheimdienste“. Auf Druck der Öffentlichkeit sind nun die Behörden tätig geworden. Sie verunsichern aber die Bevölkerung mit widersprüchlichen Meldungen, die alle darauf hindeuten, dass sie der Sache nicht auf den Grund gehen wollen.

Vizepräsidentin Elham Aminzadeh enttäuschte die Opfer und ihre Angehörigen mit der Aussage, die Attacken seien persönlicher Natur und ihre Verbindung mit dem Verschleierungsgebot sei eine Verschwörung von Konterrevolutionären. Doch die Iraner glauben solchen Standardschuldzuweisungen an externe Feinde längst nicht mehr. Revolutionsführer Ayatollah Khamenei hat sich bisher nicht geäußert, und Präsident Rohani nahm sich eine Woche Zeit, um eine indirekte Anmerkung zu machen. Der pragmatische Präsident scheint sich nur auf die Lösung des Nuklearstreits zu konzentrieren. Die innenpolitische Sphäre hat er den Konservativen überlassen.

Am Mittwoch versammelten sich Tausende vor dem Justizgebäude in Isfahan sowie vor dem Parlament in Teheran und beklagten die Untätigkeit der Verantwortlichen. Die Republik schikaniert die Iraner besonders, indem sie ihnen eine an der Scharia orientierte Weltanschauung und einen entsprechenden Lebensstil aufzwingen will. Ethnisch-religiöse Minderheiten und Frauen sind am meisten betroffen – von politischen Oppositionellen abgesehen. Anfang der Woche sind drei führende Mitglieder der Hauskirchenbewegung – allesamt ehemalige Muslime – zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Die Begründung lautete: „Handlungen gegen die nationale Sicherheit“ und „Bildung eines Netzwerks zum Umsturz des Regimes“. Tatsächlich geht es um den Abfall vom Islam.

Widerstand mit engen Jeans und farbenfrohem Kopftuch

Der Widerstand der iranischen Frauen ist den Mullahs ein Dorn im Auge. Frauen ist der Zugang zu Sportstadien und -hallen untersagt. Als Sängerinnen dürfen sie überhaupt nicht auftreten. Seit 35 Jahren versucht die Islamische Republik, die Frauen durch die Verschleierungsvorschriften zu bändigen. Die ideale Verschleierung ist laut Revolutionsführer Ayatollah Khamenei der Tschador. In staatlich-öffentlichen Ämtern dürfen Frauen nur im Tschador erscheinen, auch im Sommer, bei unerträglicher Hitze. In der Öffentlichkeit hält sich die überwältigende Mehrheit der Frauen kaum an das Verschleierungsgebot. Das schmale, kurze farbenfrohe Kopftuch rutscht immer mehr nach hinten, sodass fast alle Haare sichtbar sind. Die Trotzreaktion der Frauen, die man als Gegenkultur zu den Mullahs bezeichnen kann, wird mit schicken, engen Jeans und einem kurzen Kleid oberhalb des Knies komplettiert. Das bringt die Ayatollahs und ihren zivilen Anhang in Rage. Bisher hatten Prügel, Peitschenhiebe, Bußgeld und der Ausschluss vom Studium wenig genutzt, um den Widerstand der Frauen zu brechen. In Isfahan geht nun aber die Angst um, denn eine Säureattacke ändert das Schicksal grundlegend. Junge Frauen trauen sich kaum noch aus dem Haus. Weibliche Journalisten, die darüber berichten, setzen ihre Namen nicht unter den Artikel. Sollte das Ziel die Einschüchterung der Frauen als der stärksten Widerstandsgruppe gegen das Regime gewesen sein, wurde dies zunächst erreicht.

In einem krisengeschüttelten, unruhigen Umfeld scheint der Iran ein stabiles ruhiges Land zu sein. Doch dieser Schein trügt. Zwar ist Irans Situation mit dem Irak oder mit Syrien nicht vergleichbar. Die Mullahs sitzen jedoch auf einem Pulverfass. Es wird sich rächen, wenn die Geduld der Bewohner überstrapaziert wird.