Rette sich, wer kann

Wie die wundersame Welt der Wirtschaftskrisler zu uns spricht

Von Johannes Seibel

Die Welt der Wirtschaftskrise ist eine wundersame. Denn sie tut so, als hätte sie etwas mit Wirtschaft zu tun. Mit Löten, Schweißen, Rechnen, Einkaufen, Verkaufen, Preisen, Nachfrage und Angebot, Girokonto. Hat sie aber nicht. Sie ist mehr, viel mehr. Sie ist Magie.

Nichts scheint mehr, wie es einmal war. Nichts ist mehr, wie es einmal schien. Die alte Milchmädchenrechnung beispielsweise, dass Null und Null wieder Null ergibt, mag heute vielleicht noch der nostalgische Milchbauer für bare Münze nehmen, aber nicht mehr der digitalisierte Rest der wundersamen Welt der Wirtschaftskrise. Da heißen die Nullen, die Banken und der Staat in ihren Haushaltsbüchern hinter das Minusvorzeichen mehrdutzendfach munter aneinanderreihen, nicht einfach Schulden, sondern Überbrückungskredite oder Bürgschaften oder Treuhandvermögen und gelten als die blühendsten Versprechen und Wetten auf die Zukunft. Die Null ist nicht nur nicht mehr nichts, sondern vielmehr alles. Es müssen nur genügend Nullen sein, dann läuft es bei Opel wie geschmiert.

So stellt die Wirtschaftskrise unsere Sprache von den Füßen auf den Kopf, geleitet sie von der Welt des Tatsächlichen in die des Wünschens, macht aus der Wirklichkeit Traum und aus Traum Wirklichkeit.

Bis allen ganz flimmerig vor Augen und schwindelig wird und sie seltsam entrückt rufen: Rette sich, wer kann. Was natürlich die Wirtschaftskrise gar nicht so meint, wie es der Volksmund sagt. Denn die sprachspielende Wirtschaftskrise empfiehlt alles andere als den rettenden Absprung vom untergehenden Dampfer, sondern im Gegenteil den rettenden Aufsprung aufs sinkende Schiff. Weil – nur wer tatsächlich untergeht, darf auch auf die märchenhafte Rettung durch die vielen, vielen Nullen des Staates hoffen. Wundersam, diese Welt der Wirtschaftskrisler.