„Respekt ist verloren gegangen“

Einsätze im Hambacher Forst zeigen: Polizisten stehen unter Druck – Interview mit dem NRW-Landespolizeiseelsorger. Von Heinrich Wullhorst

Hambacher Forst
Überstunden, Anfeindungen: Die Einsätze im Hambacher Forst stehen beispielhaft für den Druck, dem sich Polizisten ausgesetzt sehen. Foto: dpa
Hambacher Forst
Überstunden, Anfeindungen: Die Einsätze im Hambacher Forst stehen beispielhaft für den Druck, dem sich Polizisten ausges... Foto: dpa

Herr Dürscheid, wie nehmen Sie und Ihre Kollegen in der Polizeiseelsorge die aktuelle Stimmungslage bei den Polizeibeamten wahr?

Die Beamten leiden unter einer sehr hohen Belastung. Ereignisse wie die Räumung im Hambacher Forst binden viele Einsatzkräfte, die dort über eine lange Zeit ihren Dienst versehen. Schon durch die massiven Überstunden, die so entstehen, ist die Stimmung getrübt. Auf der anderen Seite sind die Polizisten in einem Zwiespalt, in dem sie wissen, dass sie selbstverständlich zur Durchsetzung des Rechts verpflichtet sind, sie müssen aber auch Dinge ausbaden, die die Politik verschlafen hat. Selbst wenn sie persönlich eine andere Auffassung zu einem Sachverhalt haben, verpflichtet sie ihr Eid zum auftragsgemäßen Handeln.

Wie verletzend ist für Polizisten die Einordnung in politische Schubladen?

Den Beamten ist schon klar, dass sie nicht als Einzelperson gemeint sind, wenn sie zum Beispiel beleidigt oder als Büttel des Staates oder gar als Bullen beschimpft werden. Im persönlichen Gespräch mit Menschen gelingt es ihnen aber meist, Verständnis für ihren Auftrag zu gewinnen. Beim feindlich gesinnten Gegenüber auf einer Demo ist das aber nicht immer möglich.

Wie nehmen die Polizisten die zuweilen in den Medien vorkommende Negativberichterstattung über ihre Arbeit wahr?

Sie fühlen sich durchaus gelegentlich von den Medien ungerecht behandelt. Extrem zu spüren war das nach der Silvesternacht 2015 in Köln, als sich ein Großteil der Berichterstattung gegen die Beamten vor Ort richtete. Die eingesetzten Polizisten vor Ort hatten das Gefühl, für falsche Entscheidungen auf anderer Ebene verantwortlich gemacht zu werden. So hat der damalige Innenminister Ralf Jäger Wochen gebraucht, bis er die Beamten, die den Einsatz damals gefahren haben, überhaupt einmal gelobt hat. Da fühlt man sich von der Politik im Stich gelassen.

Gibt es Unterschiede in der Belastungssituation zwischen der Arbeit in Problemregionen in Städten und auf dem Land?

Die Einsätze der Kölner Kollegen in den Problemzonen und auf den Kölner Ringen und anderen Brennpunkten in der Stadt unterscheiden sich schon vom Kölner Umland. Da geht es oft schon ganz anders zur Sache und da muss in der Stadt oft viel schneller und im Verbund gearbeitet werden, weil die Lage dort oft erheblich explosiver ist.

Ist der Umgang mit der Polizei tatsächlich respektloser geworden?

Die Kollegen teilen die Einschätzung des Innenministers, dass der Umgang ihnen gegenüber heute aggressiver ist. Der Respekt, den wir in unserer Kindheit vor dem Schutzmann hatten, scheint vielfach verschwunden zu sein. Die Polizisten werden von dem geprägt, was sie täglich auf der Straße erleben. Und da nimmt dann oft der kleine Prozentsatz derer, die der Polizei nicht freundlich gegenüberstehen, mehr Einfluss auf das Stimmungsbild als die 95 Prozent, die den Polizeibeamten auf der Skala der Beliebtheit der Berufe an Platz zwei oder drei einordnen.

Wie hoch ist die Frustration bei den Beamten und wie wirkt sich das auf die gesundheitliche Situation aus?

Natürlich wirken ständige Belastungen auf die Gesundheit ein. Diese ist aber auch durch die zunehmenden aggressiven Übergriffe auf die Beamten gefährdet. Deshalb bieten wir von der Polizeiseelsorge eigene Seminare für Polizisten an, die im Dienst verletzt worden sind und mit den Folgen einer solchen Tat umgehen müssen.

Was kann die Polizeiseelsorge tun, um den Polizisten in der aktuellen Situation zu helfen?

Wir sind als Polizeiseelsorger nah dran an den Menschen. Wir arbeiten in der Begleitung der Beamten sehr eng mit den psycho-sozialen Teams der Polizeibehörden zusammen. Das gilt für Situationen nach Schusswaffengebrauch, der Konfrontation mit Selbsttötungen oder eben eingetretenen eigenen Verletzungen. Uns Seelsorgern hilft dabei unser Sonderstatus, der uns eine Verschwiegenheitspflicht gewährt. So bleiben die Inhalte aller Gespräche vertraulich und niemand kann uns verpflichten, über das Erfahrene Auskunft zu geben. Das ist für beide Seiten ein ganz hoher Wert, den die Beamten besonders schätzen.

 

 

Hintergrund

Rainer Dürscheid ist seit 2004 in der Polizeiseelsorge tätig. Der 60-Jährige ist Landespolizeiseelsorger von Nordrhein-Westfalen. In der letzten Woche hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) eine Verrohung im Umgang mit der Polizei beklagt: „Was ist das für eine Gesellschaft, dass diejenigen, denen wir eigentlich Danke sagen müssten, auch noch beleidigt und angegriffen werden?“.