„Reine Geldmacherei mit der Ware Frau“

Schwester Lea Ackermann kritisiert Sex-Titel bei „Weltbild“: Das ist würdelos und geht in Richtung Prostitution. Von Regina Einig

Lea Ackermann. Foto: KNA
Lea Ackermann. Foto: KNA
Erotik- und Sextitel an der Grenze zur Pornografie, mit denen die Verlagsgruppe Weltbild Geld verdient, haben eine Debatte ausgelöst. Sehen Sie darin einen Ausdruck von Bigotterie und sexueller Verklemmtheit?

Nein, absolut nicht. Ich finde es ungeheuerlich, wenn ein Verlag wie Weltbild, der für religiöse Themen aufgeschlossen ist, die Frau als Ware präsentiert. Das ist reine Geldmacherei mit der Ware Frau. Das abzulehnen hat nichts mit Verklemmtheit zu tun.

Tragen Buch-Cover wie „Sündige Spiele“ (DT vom 10. November) dazu bei, die Respektlosigkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen zu erhöhen?

Davon bin ich überzeugt. Heute haben schon Kinder über das Internet Zugriff auf solche Bilder und Produkte. Mit ihnen zeigt man schon Kindern, was man mit Frauen anstellen kann. Dass solche Aufnahmen überhaupt gemacht werden, ist eine Missachtung der Frau. Auf diese Weise erzeugt man auch das völlig falsche Bild von Frauen, die eigentlich ganz gerne Modell für pornografische Bilder stehen und etwas angeblich ganz Normales tun. So sieht man über die Not der Frauen hinweg.

Verharmlost man das Problem, wenn man bei käuflichen Produkten wie „Schlampeninternat“ oder „Zur Hure erzogen“ von „Erotik“ spricht?

Das Wort „Erotik“ ist hier überhaupt nicht angemessen. Hier wird die Frau als Ware angeboten. Das ist würdelos und geht ganz klar in Richtung Prostitution. Mit solchen Büchern und Darstellungen soll die Hemmschwelle gesenkt werden. Das Kleinreden von Pornografie und Prostitution will nur die Einstellung der Menschen in Deutschland geneigt machen zur Prostitution. Es geht auch anders: In Schweden zum Beispiel ist Prostitution verboten. Achtzig Prozent der Schweden sind gegen Pornografie und Prostitution. Bei uns ist es genau umgekehrt.

Beteiligen sich Ihrer Erfahrung nach Frauen freiwillig an solchen Produktionen? Oder werden sie dazu gezwungen?

Da sind wir bei der alten Frage, wie freiwillig Frauen in die Prostitution gehen. Nach meiner Beobachtung muss bei einer Frau schon sehr viel schiefgelaufen sein, wenn sie das mit sich machen lässt. Mir hat einmal eine hübsche Zwanzigjährige, die aktiv in der Bordellszene ist, versichert, dass sie freiwillig als Prostituierte arbeite. Und dann erzählte sie mir, wie sie dazu kam: Der Freund der Freundin ihrer Mutter hatte sie regelmäßig vergewaltigt, als sie zwölf Jahre alt war. Weder die Mutter noch deren Freundin halfen ihr. Mit 15 rannte sie weg. Heute sagt sie: „Mein Körper ist sowieso nichts wert. Den können sie haben. Aber dann sollen sie zahlen!“. Sie hat eine vierjährige Tochter. Als ich sie fragte, ob sie denn wolle, dass ihre Tochter einmal in die Prostitution geht, wenn das angeblich ein Beruf wie jeder andere sein soll, antwortete sie sehr ernst: „Wer meine Tochter anrührt, dem drehe ich den Hals um“. Auf diesem Hintergrund lässt sich einiges verstehen, auch wenn Frauen erklären, dass sie freiwillig als Prostituierte arbeiten. Meines Erachtens steckt fast immer ein Zwang dahinter.

Kommen wir noch einmal auf den Buchmarkt zurück und die Frauen, die als Porno-Modelle an den umstrittenen Produkten beteiligt sind. Gehen Sie davon aus, dass es hier Schnittmengen zur Bordellszene gibt?

Ja, von den Frauen, die wir betreuen, weiß ich, dass einige auch für Pornos zur Verfügung standen. Mein Eindruck war, sie taten es nicht freiwillig.