Rechtes Beben in Frankreich

Der Familienkrach im Front National und seine Folgen für die bürgerlichen Parteien. Von Jürgen Liminski

Das Tischtuch zwischen FN-Chefin Marine Le Pen und ihrem Vater Jean Marie Le Pen, dem Parteigründer, ist nun definitiv zerschnitten. Foto: dpa
Das Tischtuch zwischen FN-Chefin Marine Le Pen und ihrem Vater Jean Marie Le Pen, dem Parteigründer, ist nun definitiv z... Foto: dpa

Das ist kein Detail für Frankreich. Das Präsidium der rechtsgerichteten Partei Front National hat die Mitgliedschaft des Parteigründers suspendiert und damit einen vorläufigen Schlussstrich unter eine Auseinandersetzung gezogen, die sich seit Jahren verborgen vor der Öffentlichkeit sozusagen im familiären Kreis hochschaukelte. Schon öfter hatte es zwischen Jean Marie Le Pen und seiner Tochter Marine, die nach ihm zur Präsidentin der Partei gewählt worden war, Streit mit Auszug aus dem gemeinsamen Haus und Zeiten des gegenseitigen Schweigens gegeben. Aber diesmal ist das Tischtuch vollends zerrissen.

Grund sind die wiederholten Äußerungen des Parteigründers über die „Gaskammern der Nazis als Detail der Geschichte“ und die Verharmlosung der Kollaboration des Vichy-Regimes mit den deutschen Besatzern. Marine Le Pen hatte ihren Vater qua Präsidentin ultimativ aufgefordert, diese absurden Thesen öffentlich zurückzunehmen, die er jüngst in dem rechtsextremen Blatt „Rivarol“ erneut behauptet hatte. Vater Le Pen weigerte sich, und so kam es zu einem Treffen mit dem Parteipräsidium, in dessen Verlauf die Mitgliedschaft Le Pens suspendiert wurde. Mehr konnte das Präsidium nicht tun, auch die zeitlich unbefristete Ehrenpräsidentschaft für Jean Marie Le Pen konnte es nicht aberkennen. Das muss ein Parteitag tun.

Le Pen senior gibt sich aber noch nicht geschlagen. In einem Interview mit dem Sender „Antenne 2“ sinnierte er am Dienstagabend vor laufender Kamera über die Möglichkeit, eine neue nationale Partei zu gründen, weil seine Tochter sich dem System offenbar anpasse. Er habe am Montag nach dem Verdikt des Präsidiums auf einen Anruf von Marine zwar nicht gewartet, aber doch daran gedacht. Schließlich habe er ein gewisses Alter und Meriten für die Partei. Drohung und väterliche Emotionen – Le Pen versucht es mit allen Mitteln. Aber selbst wenn Marine Le Pen es noch einmal wollte, das Präsidium würde ihr nicht folgen.

So kann es durchaus zu einer Abspaltung eines Teils der Partei kommen, der dem Gründer und seinen kruden Thesen folgt. Für den Front National aber wäre das ein Segen. Denn dann könnte Marine Le Pen ihre Absicht, die Partei deutlich in Richtung Mitte zu rücken, ohne große Widerstände verwirklichen. Dazu würde auch die Korrektur in puncto Euro erfolgen. Zwar hatte sie am 1. Mai in einer Rede noch den Austritt Frankreichs aus dem Euro gefordert. Aber man darf davon ausgehen, dass sie hier flexibel ist. Anders sieht es beim Austritt aus der NATO aus. Hier sieht sie sich, wie fast alle führenden Mitglieder der Partei, in der Rolle De Gaulles.

Der Verlust einiger rechtsextremer Mitglieder und Wähler, man schätzt das Potenzial auf maximal ein Drittel, könnte durch Zuwachs aus der Mitte wettgemacht werden. Denn in der rechten Mitte sind noch viele enttäuschte Wähler zu holen. Marine Le Pen weiß, dass sie nur mit den Stimmen aus der rechten Mitte eine Chance hat, bei den Präsidentschafts- und bei den Parlamentswahlen in zwei Jahren so abzuschneiden, dass sie und ihre Partei unumgänglich werden für Koalitionen. Beobachter situieren das Potenzial bei 40 Prozent.

Eine Chance zu gewinnen hat sie nach Umfragen nur dann, wenn sie in der Stichwahl gegen den amtierenden Präsidenten Franois Hollande antreten müsste. Käme dagegen Nicolas Sarkozy in die Stichwahl, würde sie deutlich verlieren. Bei Hollande nämlich könnte sie damit rechnen, dass bürgerliche Wähler eher für sie stimmen würden als für den Sozialisten Hollande. Ähnlich denkt das Team um Hollande selbst: Gegen Sarkozy chancenlos, bei Marine Le Pen jedoch Sieg mit Hilfe der Bürgerlichen.

Sollte der Front National aber programmatisch in die Mitte ausgreifen, ist der Wahlausgang gegen links entschieden. Und es kann sogar sein, dass sich die Situation von 2002 wiederholt, als gar kein linker Kandidat in die Stichwahl kam. Damals gewann Jacques Chirac mit dem besten Ergebnis, das je ein französischer Präsident erhielt: 82,21 Prozent. Sein Gegenkandidat war damals Jean Marie Le Pen, der auf 17,79 Prozent kam. Marine Le Pen werden schon heute doppelt soviel Prozent zugetraut. Mit einem neuen Programm könnte sie auch für eine Überraschung sorgen. Bleibt sie beim alten Programm, profitieren die bürgerlichen Parteien von der Abspaltung. Das Beben in der Partei Front National dürfte so oder so das gesamte bürgerliche Lager erfassen.