Politik nach Gutsherrenart

Die Staats- und Regierungschefs haben das Thema des Gipfels zur Welternähungskrise in Rom wohl allzu wörtlich genommen. Da gehen Menschen vor Hunger und wegen der nicht mehr zu bezahlenden Lebensmittel auf die Straße, da rauchen in Haiti und anderswo Barrikaden – und die Staatenlenker wissen nichts besseres, als sich gleich am ersten Abend auf Einladung von Italiens Premier Silvio Berlusconi und UN-Generalsekretär Ban ki Moon zu einem feierlichen Bankett zu treffen. Da kann man eigentlich nur nachträglich guten Appetit wünschen.

Neu ist das alles nicht wirklich. Der Gipfel auf Einladung der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) ähnelt anderen derartigen Veranstaltungen: Für ein paar Tage wird nach Kompromissen gerungen, um dann im Gefühl auseinanderzugehen, die Welt gerade noch gerettet zu haben. Derweil erinnern Organisationen wie die Deutsche Welthungerhilfe an die im Jahr 2000 feierlich verabschiedeten Milleniumsziele. Eigentlich sollte demnach bis zum Jahr 2015 die Zahl der Armen auf rund 400 Millionen halbiert werden, es sehe jedoch eher danach aus, dass sich deren Zahl auf eine Milliarde erhöhe.

Offenbar hat sich bei der weltweiten Entwicklungshilfe nicht sonderlich viel getan. Was auch an der Machtlosigkeit der Staatengemeinschaft liegt: Was soll von einem Krisengipfel zur Welternährung erwartet werden, an dem ein Robert Mugabe teilnimmt? Unter seiner Herrschaft ist die einstige Kornkammer Afrikas längst zum Armenhaus des Kontinents verkommen. Das Beispiel Simbabwe zeigt, wie wenig die internationale Hilfe erreichen kann, wenn die Regierenden vor Ort nicht mitspielen.

Was aber auch an manchen Positionen der Entwicklungshelfer selbst liegt. Da hat jetzt zum Beispiel die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) aus Anlass des Gipfels in Rom größere Investitionen in die Familienplanung gefordert. Der Produktivitätsanstieg und eine bessere Verteilung von Nahrungsmitteln reichten auf lange Sicht nicht aus, um alle Menschen ernähren zu können, so DSW-Geschäftsführerin Renate Bähr. Einmal abgesehen davon, dass ihre Organisation zu denen gehört, die für den Zugang zu „sicheren“ Abtreibungen eintreten, ähnelt das einer Politik nach Art des Rechenschiebers.

Auf die Belange und Mentalitäten der Menschen nimmt sie keine Rücksicht. Immer wieder kommt es sogar vor, dass Programme zur Bevölkerungskontrolle als Druckmittel dienen, um überhaupt erst Entwicklungshilfegelder zu erhalten. Das aber ist nichts anderes als eine neue Form des Kolonialismus. Kinder gelten in Afrika als Reichtum und ein Zeichen für Zukunft; keinen Nachwuchs zu haben, wird dort als großes Ärgernis empfunden. Das hat „Die Tagespost“ vor einem Jahr während einer Journalistenreise nach Burundi so gehört. Forderungen nach Familienplanung, vorgetragen ausgerechnet in Deutschland, das seit Jahrzehnten „demographischen Selbstmord“ betreibt, sind vor diesem Hintergrund eine groteske Anmaßung.

Bei der Reise nach Burundi fiel noch etwas anderes auf: Vor Ort, bei den Menschen tief im Busch, ist von Entwicklungshelfern und Vertretern der Staatengemeinschaft wenig zu sehen. Diese haben sich in der Hauptstadt Bujumbura in ihren gut klimatisierten Büros verschanzt, hinter Stacheldraht und Sicherheitsschleußen. Ihre wichtigste Sorge ist, dass das gastronomische Angebot vor Ort stimmt. Und wer als Einheimischer in ihren Diensten steht und das Glück hat, einen der neuwertigen, selbstverständlich ebenfalls klimatisierten Geländewagen aus japanischer Produktion fahren zu dürfen, der hat das große Los gezogen: Er verdient soviel wie ein Arzt, der dafür ein langes Studium auf sich genommen hat.

Man kann es auch anders formulieren: Dieses Auftreten trägt zur Verbitterung der Menschen bei. Eine polemische Zuspitzung? Leider nein. Wer mit Entwicklungshelfern spricht, der weiß, dass Burundi, eines der ärmsten Länder der Erde, kein Einzelfall ist. Natürlich gibt es auch Ausnahmen – weltliche Organisationen ebenso wie kirchliche –, aber die Gutsherrenart, mit der große internationale Organisationen über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg Politik betreiben, trägt nicht zur Beseitigung von Hunger und Not bei.

Benedikt XVI. hat am vergangenen Wochenende während der Tagung der Stiftung „Centesimus annus – Pro Pontefice“ von der großen Herausforderung gesprochen, nicht nur die wirtschaftlichen Interessen zu globalisieren, sondern auch die Solidarität. Das Wirtschaftswachstum dürfe nie von der Suche nach einer ganzheitlichen menschlichen und sozialen Entwicklung getrennt werden. Wenn der FAO-Gipfel heute in Rom zuende geht, dann sind damit wieder einmal hehre Versprechungen verbunden. Viel mehr aber auch nicht.

Wirkliche Solidarität zwischen den Menschen sieht anders aus. Sie kann es nur vor Ort geben, tief im Busch. Und da ist – nicht nur im katholischen Burundi – auch die Kirche intensiv tätig, in der Pastoral ebenso wie im Schulwesen und bis hin zur Förderung von Landwirtschaftsprojekten. Unterstützt wird sie dabei von den großen kirchlichen Hilfswerken. Diese Form der Hilfe hat mit wirklicher Solidarität zu tun, mit Hilfe zur Selbsthilfe. Und sie ist trotz mancher Rückschläge wirkungsvoller als noch so viele Gipfeltreffen. Weil sie bei den Menschen ankommt.