Plötzlich ist da ein Netzwerk von Betern, das die Kardinäle trägt

Ein paar junge Katholiken beschlossen, gemeinsam für die Entscheidungsträger im Konklave zu beten – und lösten eine globale Lawine aus. Von Stephan Baier

Bereits jetzt, bevor das Konklave in der Sixtinischen Kapelle beginnt, darf sich jeder einzelne der wahlberechtigten Kardinäle vom Gebet tausender Katholiken begleitet wissen. Foto: dpa
Bereits jetzt, bevor das Konklave in der Sixtinischen Kapelle beginnt, darf sich jeder einzelne der wahlberechtigten Kar... Foto: dpa

„Wir wären schon sehr zufrieden gewesen, wenn es tausend oder zweitausend Beter geworden wären“, erzählen die Initiatoren der Gebetsbewegung „Adopt a Cardinal“ gegenüber der „Tagespost“. Doch es gibt Bewegungen, die wachsen nicht wie ein Baum, sondern heben ab wie eine Rakete. Am 22. Februar gingen ein paar junge Leute mit ihrem Aufruf, für die zum Konklave eingeladenen Kardinäle zu beten, online. Noch am selben Abend hatten 300 Beter einen Kardinal „adoptiert“, also zugesagt, fortan täglich für ihn zu beten. Am Folgetag waren es mehr als tausend. Als Papst Benedikt XVI. am 28. Februar um 20 Uhr auf sein Amt verzichtete, da hatten sich bereits mehr als 100 000 Menschen mit Namen und Mail-Adresse als Beter registrieren lassen. Drei Tage später hatte sich die Zahl verdoppelt. Und am Mittwochabend waren schließlich 315 000 Gebets-Adoptionen erreicht.

Eine Lawine, mit der niemand gerechnet hatte: „Die Idee entstand beim Anschauen eines Zeitungsartikels mit Bildern der am Konklave teilnehmenden Kardinäle. Da war einfach ganz stark dieser Gedanke im Herzen, dass für diese Kardinäle gebetet werden soll, und das Stichwort ,Adopt a Cardinal‘. Nach einigem Überlegen, Sprechen und Beten, um den Impuls auf seine Echtheit zu prüfen, wurde immer klarer, dass wir sobald wie möglich starten sollten“, erinnert sich Julia Kleinheinz. Die Grundidee und die Internet-Seite kamen von der „Jugend 2000“, doch hält sich die Gruppe selbst zurück und will bewusst nicht im Mittelpunkt stehen. Hier gehe es „um einen Dienst für die Kardinäle und an der Weltkirche“. Man wolle in dieser Initiative „einfach katholische Kirche mit etwas Unterstützung von einigen wunderbaren Nicht-Katholiken mit großem Herzen“ sein, so die Initiatoren in einer Stellungnahme gegenüber dieser Zeitung.

Geworben wird ganz modern: im Internet, auf Facebook und mit einem rasch eingerichteten Twitter-Account. „Viele haben es in ihren Blogs aufgegriffen und so hat es sich wie ein Lauffeuer verbreitet.“ Julia Kleinheinz und das Team um sie herum staunen noch immer über den Boom: „Wir haben eigentlich keine intensive Werbung betrieben. Es war, wie wenn der Heilige Geist uns einfach Herzen und Türen geöffnet hätte.“ Staunend und glücklich stehe man nun „vor dem, was Gott hier wirkt, dankbar, diesen Gnadenmoment erleben zu dürfen“.

Dass viele Katholiken sich durch den Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. plötzlich einsam und vaterlos fühlten, dass Fragen und Sorgen über die Zukunft der Kirche als drückend empfunden wurden, das spürte wohl auch die „Jugend 2000“: Viele Katholiken seien in der Gefahr gewesen – „wie Petrus beim Gang auf dem Wasser“ – nur mehr auf die Probleme und Gefahren zu blicken. Sie sollen nun „bei dieser Initiative des gemeinsamen Gebets spüren, wie Gott am Werk ist, sich ein Heer an Betern zusammenruft und so Hoffnung und Zuversicht im Blick auf Ihn wächst“.

Derzeit präsentiert sich „Adopt a Cardinal“ auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und Polnisch im Internet. Aus welchen Ländern die meisten Adoptionen kommen, lässt sich allerdings nicht prüfen, denn die Gebets-Adoptionen erfolgen einigermaßen unbürokratisch: Wer einen Kardinal zugewiesen bekommen will, muss lediglich den eigenen Namen und seine Mail-Adresse angeben. Selber wählen kann man seinen „Lieblings-Kardinal“ allerdings nicht. Schließlich geht es bei der Gebetsinitiative auch nicht darum, dafür zu beten, dass ein bestimmter Kardinal zum Papst gewählt wird. Vielmehr sollen viele Gläubigen für jeweils einen Kardinal – und so insgesamt möglichst viele Gläubige für alle Kardinäle – beten, damit diese im Konklave den Willen Gottes erkennen und auch tun.

Im Internet startet die Titelseite von „adoptacardinal.org“ mit einem Dank an Papst Benedikt XVI.: „Geht es Dir auch so: Du bist dem Himmel unendlich dankbar, dass wir in Benedikt XVI. einen so wunderbaren, weisen und gütigen Papst hatten? Du wünschst Dir für die Kirche in unserer Zeit einen glaubensstarken, geistgeleiteten, frommen und heiligen neuen Papst? Du möchtest als Teil des Leibes Christi in der Kraft des Gebetes Deinen Beitrag dazu bringen, dass der Heilige Geist unsere Kardinäle schützt, erleuchtet und führt in ihrer Wahl des Petrusnachfolgers? Dann schlagen wir Dir jetzt eine Möglichkeit vor, Dich in dieses Heilsgeschehen einzuschalten, indem Du Dir sozusagen einen Kardinal schenken lässt, um ihn in den nächsten Wochen bis zur Ernennung eines neuen Papstes und den Zeitraum von drei Tagen danach im Gebet und in der Fürbitte zu tragen.“

Dieser knappe Appell hat eine Flut ausgelöst. Woher die vielen Beter kommen, wie alt oder jung sie sind, ob kirchlich organisiert oder nicht, ob theologisch gebildet oder nicht – all das lässt sich nicht beantworten, weil es schlicht nicht abgefragt wird. Die Mails, Facebook-Kommentare und Twitter-Follower zeigen aber „eine ganz bunte Mischung aller Altersgruppen und Stände“, heißt es.

Das junge Team freut sich über „ganz wunderbare, zum Teil lustige und auch berührende Anfragen und Rückmeldungen“. Da gibt es Pfarrämter, die berichten, dass ihnen „die Leute die Bude einrennen“, ganze Klöster, die für jede Schwester und jeden Ordensbruder einen Kardinal adoptieren wollen, und sogar Schulklassen, die gemeinsam für ihre Kardinäle beten.

Aus den Anfragen, die bei der Kontakt-Mail-Adresse eingehen, weiß man, „dass sich Menschen rund um die Welt, aus allen Kontinenten beteiligen“. Und natürlich merke man auch jeweils den Effekt, wenn eine neue Sprachversion online geht. Vielen sei das so sehr ein Anliegen, dass sie einfach Übersetzungen in neue Sprachen erstellen und einsenden.

„Danke, Heiliger Vater! Thank you, Holy Father! Grazie, Santo Padre!“ steht auf der Facebook-Seite von „Adopt a Cardinal“, auf vatikanisch weiß-gelbem Hintergrund und neben einem strahlenden Foto von Benedikt XVI. Auf der dazu gehörigen Homepage sind – der aktuellen Entwicklung geschuldet – pars pro toto drei Kardinäle im angeregten Gespräch zu sehen. Nicht festgelegt wird, was jeder Einzelne betet oder wie er fastet. Denn jeder soll „nach seiner Kraft und seinen Möglichkeiten das Anliegen mit einschließen und mittragen“.

Wie bei fast allen populären Themen sammeln sich auf Facebook freilich immer wieder auch kritische Stimmen, die dann eifrige Debatten auslösen. So schreibt Ruben S., er könne sich damit nicht anfreunden, sei auch noch nicht über die Abdankung Benedikts XVI. hinweg: „Vor allem wird da – so leid es mir tut, das feststellen zu müssen – die Dimension des Gebets wirklich ins Profane und Lächerliche gezogen.“ Seine Sorge ist, „dass eine naive Transplantation der spirituellen Dimension in die kontemporäre Kommunikationswelt nicht zu derben Abstoßungsreaktionen führt“. Das klingt jedenfalls nach akademisch fundierter Kritik. Auch Max O. findet die Aktion „lächerlich“.

Hedwig B. dagegen kritisiert nur, „dass einige, die sich als Beter an der – wie ich finde – ausgezeichneten Aktion beteiligen, sofort bei Facebook ausplaudern müssen, welchen Kardinal sie gezogen haben und darüber in ein oberflächliches Geplapper verfallen, als ob es hier um Lotterie von Fußballerkärtchen ginge.“ Nils B. erklärt: „Man bekommt einen Kardinal zugeteilt, für den man betet, dass er die richtige Entscheidung trifft. Und nicht etwa, dass er Papst wird. Das wäre tatsächlich lächerlich.“ Maria W. schreibt, sie bete dafür, dass diese Person sich vom Heiligen Geist leiten lässt. „Außerdem bete ich für alle anderen Kardinäle, die Kirche und auch für unseren emeritierten Papst. Aber mein Adoptivkardinal erinnert mich daran.“

Wie könne ernsthaftes Gebet jemals profan sein, wundert man sich im jungen Team von „Adopt a Cardinal“. Immerhin gehe es um das Bewusstsein des Beters, einer großen Gemeinschaft anzugehören, und um das Anliegen, „dass jeder einzelne Kardinal auf Gottes Stimme hören und erfüllt von Gottes Geist und Weisheit sein möge, und dass sich letztlich der Wille Gottes verwirklichen möge“. Jedes Gebet sei da notwendig und kostbar – „und da schaut Gott bestimmt nicht darauf, ob sich jemand bei unserer Seite angemeldet hat oder nicht“.

Und nein, die Aktion sei nicht als Lotterie gedacht, „auch wenn die Zuteilung schon ein Element des Abenteuers hat und bestimmt auch vielen Spaß macht“. Es gehe vielmehr darum, „dass auch für die Kardinäle gebetet wird, die nicht so bekannt oder beliebt sind“.

Umtauschen kann man seinen zugewiesenen Kardinal nicht. Selbst wenn gerade dieser eine einem persönlich nicht so behagen oder auch wenig inspirierend scheinen sollte. Da muss man sich im Zweifelsfall an den Gedanken gewöhnen, dass die „höhere“ Regie schon den Richtigen zugewiesen hat – vielleicht weil gerade dieser es ja besonders nötig hat, vielleicht aber auch, weil diese kleine Demütigung letztlich der Demut des Beters dienlich werden könnte.

Der „Jugend 2000“ geht es nicht um Spaß und Aktionismus, sondern um die geistliche Dimension: „Wir wissen doch gar nicht, welche Kämpfe jeder Einzelne zu bestehen hat. Jeder Einzelne hat seine eigene Art zu beten, zu fasten oder Opfer zu bringen. Und wir glauben ganz fest, dass Gott sich dieses ,Zufallsprinzips‘ bedient, um jedem Kardinal den richtigen Beter zu schenken – und umgekehrt.“ Aus der so losgetretenen Gebets-Lawine schließt man, dass die Menschen eine Sehnsucht haben, für ihre Hirten zu beten.

Tatsächlich gab es Rückmeldungen von Betern, die ein besonderes verbindendes Element mit „ihrem“ Kardinal entdeckten und darum meinten, das könne doch kein Zufall gewesen sein. „Für manche mag ihr ,Schützling‘ auch etwas schwierig sein, aber wir glauben, dass Gott auch so ein Opfer für beide Seiten zum Segen lassen wird“, meinen Julia Kleinheinz und ihre Freunde. Häufig bekomme man Mails von Betern, die sich mit „ihrem“ Kardinal intensiv auseinandersetzten und durch das Gebet eine innige Verbundenheit mit ihm entwickelten. „Wir haben sogar einige Rückmeldungen von Menschen, die gesagt haben, dass sie für diesen Kardinal nun ihr Leben lang beten wollen.“

Erfahren werden das die Kardinäle allerdings nicht. Viele von ihnen haben zwar von der Initiative gehört und wissen, dass tausende Menschen für sie beten. Eine Namensliste seiner betenden „Adoptiveltern“ wird aber kein Kardinal erhalten, wie „Die Tagespost“ erfuhr: „Nein, das werden wir nicht tun, auch wenn es vielleicht eine schöne Geste wäre, da wir versprochen haben, die Daten nicht anderweitig zu verwenden. Aber eine Geste, um den Kardinälen mitzuteilen, wie viele Menschen für sie im Gebet einstehen, und um sie dadurch zu ermutigen und zu stärken, würden wir nicht ausschließen.“

Die so gesammelten Namen und Mail-Adressen, die in der Werbebranche ein kleines Vermögen darstellen, will die „Jugend 2000“ nur noch für kurze Zeit aufbewahren, falls einer der Teilnehmer noch Fragen hat, dann aber löschen: „Wir haben versprochen, dass die Daten für nichts anderes genutzt werden, und daran werden wir uns halten.“

Das Gebet für die 115 wahlberechtigten Kardinäle endet übrigens nicht in dem Moment, in dem weißer Rauch über der Sixtina aufsteigt, oder wenn der neu gewählte Heilige Vater auf der Mittelloggia von St. Peter erscheint. Es soll nach der Wahl noch drei Tage weiterlaufen, zum einen, damit „die Kardinäle wieder gut nach Hause kommen und wieder gut zurück in den Alltag finden“. Zum anderen, weil es für den einen oder anderen unter ihnen möglicherweise nicht leicht sei, die im Konklave mit großer Mehrheit getroffene Wahl auch innerlich anzunehmen: „Wir wünschen uns, dass der neue Papst auf seine Kardinäle zählen kann und sie ihm mit ganzem Herzen und ganzer Kraft für das Wohl der Kirche zur Seite stehen – und dieser innerliche Prozess ist sicher nicht bei allen in fünf Minuten abgeschlossen.“

Ob dieses Netzwerk des Gebets, das da im Februar ganz spontan entstanden und erstaunlich schnell gewachsen ist, irgendwie weiter bestehen könnte, darüber habe man sich noch keine Gedanken gemacht, heißt es aus dem Team. „Aber wir wären glücklich, wenn es neu in den Herzen ankommt, wie sehr unsere Kardinäle, Bischöfe und Priester unser Gebet brauchen.“