Patt in Libyen-Krieg

Die Offensive der libyschen Rebellen gegen die Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi kommt zum Stillstand. Nach US-Einschätzung sind die Rebellen klar unterlegen. Dennoch setzen sich immer mehr Gaddafi-Gefolgsleute ab. Ein Bischof bringt unterdessen den Vatikan als Vermittler ins Gespräch

Rebbellen am Mittwoch beim Gebet. Unterdessen sollen Zivilisten Opfer der NATO-Angriffe geworden sein. Foto: dpa
Rebbellen am Mittwoch beim Gebet. Unterdessen sollen Zivilisten Opfer der NATO-Angriffe geworden sein. Foto: dpa

Tripolis/Kairo (DT/dpa/KNA) Im libyschen Bürgerkrieg stehen sich Rebellen und regimetreue Truppen des Machthabers Muammar al-Gaddafi in einem Patt gegenüber. Den Rebellen am Rande der Stadt Adschdabija gelang es am Freitag nicht, die Gaddafi-Truppen zurückzudrängen, wie ein BBC-Reporter aus der Region berichtete. Am Vortag war bereits der Vorstoß gescheitert, den am Mittwoch verlorenen Ölhafen Brega zurückzuerobern. Nach Einschätzung der US-Regierung sind die Gaddafi-Truppen den Rebellen trotz des internationalen Militäreinsatzes klar überlegen. Dennoch desertieren immer mehr politische Gefolgsleute des Machthabers Muammar al-Gaddafi.

Das Heer Gaddafis sei gemessen an der Truppenstärke und Ausrüstung ungefähr zehn mal so schlagkräftig wie die Aufständischen, sagte US-Generalstabschef Mike Mullen am Donnerstag (Ortszeit) vor dem Streitkräfte-Ausschuss des Abgeordnetenhauses. Gaddafi würde „so viele (Menschen) töten, wie er müsse, um die Rebellion niederzuschlagen“.

Doch der Rückhalt für Gaddafi scheint zu schwinden. Der Machthaber soll allen Regierungsmitgliedern und hochrangigen Beamten die Ausreise verboten haben. Außer dem nach Großbritannien geflohenen Außenminister Mussa Kussa sollen sich noch weitere ranghohe Funktionäre absetzen, berichtete die arabische Tageszeitung „Al-Sharq al-Awsat“. Darunter seien der Parlamentspräsident und Ministerpräsident Al-Baghdadi Al-Mahmudi. Nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira aus der Nacht zum Freitag sind immer weniger Menschen bereit, als „menschliche Schutzschilder“ vor der Residenz des Gaddafi-Clans in der Garnison Bab al-Asisija bei Tripolis zu dienen. Am Donnerstagabend seien nur noch ein paar Dutzend Libyer dort gewesen, um einer möglichen Bombardierung des Stützpunkts durch die westliche Militärallianz zu trotzen, berichtete der Sender. Bundesaußenminister Guido Westerwelle und sein chinesischer Amtskollege Yang Jiechi verlangten in Peking neue Anstrengungen für eine politische Lösung. Westerwelle forderte Gaddafi auf,„endlich die Waffen schweigen zu lassen und zuzulassen, dass es einen friedlichen politischen Prozess geben kann“.

Unterdessen soll es in London Geheimgespräche gegeben haben, wie die BBC berichtete. Mohammed Ismail, ein Vertrauter von Gaddafi-Sohn Saif al-Islam, sei inzwischen wieder nach Tripolis zurückgekehrt, berichtete der Sender am Freitag. Bei den Gesprächen sei es möglicherweise um ein Ausstiegsszenario für Gaddafi gegangen. Gaddafi selbst forderte am Donnerstagabend den Rücktritt sämtlicher Staatschefs der Länder, die sich am Militäreinsatz in Libyen beteiligen. Durch Luftschläge der NATO in Libyen sind offenbar weitere Zivilisten ums Leben gekommen. In der Nacht zu Freitag seien in Sirte acht Frauen und Kinder getötet worden, sagte Bischof Giovanni Martinelli in Tripolis dem italienischen Pressedienst SIR. Zudem seien den Bombardements 40 Armeeangehörige zum Opfer gefallen. Der Apostolische Vikar berief sich auf Krankenhausangaben. Bereits am Donnerstag hatte Martinelli von mehreren Dutzend zivilen Opfern der Luftangriffe in Tripolis berichtet. Die NATO hatte eine Überprüfung der Angaben angekündigt. Der Bischof forderte erneut einen umgehenden Waffenstillstand. Eine „chirurgische Kriegsführung“ ohne zivile Opfer sei „unmöglich“, sagte er. In Sirte seien die Militärstützpunkte über das ganze Stadtgebiet verteilt. „Man muss den Mut haben, mit Gaddafi zu sprechen“, sagte Martinelli.

Unterdessen hat der sizilianische Bischof Domenico Mogavero eine Vermittlung des Vatikan im Libyenkonflikt vorgeschlagen. Da Muammar al-Gaddafi politisch völlig isoliert sei und die Luftschläge Frankreichs und der NATO ihn offenbar nicht zum Einlenken bewegten, wäre eine überparteiliche Instanz wie der Heilige Stuhl gefragt, sagte er im italienischen Fernsehen RAI am Donnerstagabend. Für eine Mittlertätigkeit des Vatikan spräche zudem, dass sich die Bischöfe Libyens bislang sehr zurückhaltend zu Gaddafi geäußert hätten, erklärte der 64-jährige Bischof von Mazara del Vallo. Bisher hat der Vatikan auf deutliche Stellungnahmen zu den Unruhen in Nordafrika verzichtet. Papst Benedikt XVI. rief jedoch mehrfach zum Schutz der Zivilbevölkerung und zu einem Ende der Gewalt auf. In Libyen leben rund 150 000 Katholiken, zum größten Teil Ausländer. Viele von ihnen haben das Land inzwischen verlassen. Geleitet wird die katholische Kirche Libyens von zwei Apostolischen Vikaren im Bischofsrang, dem Italiener Giovanni Martinelli in Tripolis und dem Malteser Sylvester Magro in Bengasi.