„PID führt zu überzähligen Embryonen“

Der Europa-Parlamentarier und Bioethik-Experte Peter Liese (CDU) zu PID und Designer-Babies. Von Stefan Rehder

Peter Liese MdEP. Foto: Archiv
Peter Liese MdEP. Foto: Archiv
Herr Liese, auf dem CDU-Parteitag haben Sie für ein Verbot der PID geworben und unter anderem gewarnt, zu glauben, die PID lasse sich begrenzen. Ihre Gegner haben auf Frankreich verwiesen, dort sei die Begrenzung gelungen. Fühlen Sie sich durch die Geburt des ersten „Designer-Babys“ in Frankreich nun bestätigt?

Ja, das ist leider eine Entwicklung, die wir in allen anderen europäischen Ländern festgestellt haben. Zunächst wurde die PID dort in mehr oder weniger engen Grenzen zugelassen, später kam dann aber immer auch die Methode des Designer-Babys zum Zuge, bei der Embryonen selektiert werden, die überhaupt keine Gene für eine Erkrankung in sich tragen, die jedoch aussortiert werden, weil sie nicht als Zellspender in Frage kommen. Das zeigt ganz klar, dass wenn man einmal sagt, PID ist grundsätzlich möglich, es irgendwann auch nicht mehr um das Leid des Kindes geht, sondern um das anderer. Ich halte das für eine schlimme Instrumentalisierung von menschlichem Leben.

Ihr Parteifreund Peter Hintze tritt für einen Gesetzentwurf ein, mit dem mittels PID auch nach spätmanifestierenden Krankheiten gefahndet werden kann, die erst im Verlauf des Lebens auftreten können. Voraussetzung dafür wäre, dass eine Ethikkommission, die jeden Fall entscheiden soll, zustimmt. Wie wahrscheinlich ist so etwas in Deutschland?

Es gibt in allen europäischen Ländern, auch in Frankreich, bereits die Erlaubnis, die PID auch zur Diagnostik von spätmanifestierenden Krankheiten einzusetzen. Trotzdem spricht man noch von „engen“ Grenzen. Es ist daher auch in Deutschland nicht zu erwarten, dass die Grenze im Einzelfall irgendwo absolut gezogen würde, wenn schon der Gesetzgeber die Grenze vorher nicht absolut gezogen hat. Denn die Betroffenen werden immer fragen, warum ist mein Schicksal nicht genauso schwer wie das, bei dem die PID in der letzten Woche erlaubt wurde?

Bundestagspräsident Norbert Lammert will die PID auf Fälle begrenzen, die Eltern Totgeburten und die Geburt lebensunfähiger Kinder ersparen soll. Sie haben in Humangenetik promoviert. Wie sicher kann ein Arzt sein, der eine PID durchführt, dass ein beim Embryo diagnostizierter Chromosomenschaden mit dem Leben unvereinbar ist?

Bei Norbert Lammert und seinen Mitstreitern erkenne ich an, dass sie sich sehr bemühen, enge Grenzen zu definieren. Leider läuft dieser Versuch an vielen Stellen ins Leere. Die Formulierung im Gesetzentwurf zieht nicht so enge Grenzen, wie in der Berichterstattung oft dargestellt wird. Im Entwurf heißt es, eine PID sei möglich, wenn eine genetische Auffälligkeit diagnostiziert wird, „die nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Schädigung zur Folge hat, die zu Tod oder Fehlgeburt oder zum Tod im ersten Lebensjahr führen kann“. Das ist schon ein Konjunktiv. Die Möglichkeit eines Todes im ersten Lebensjahr gibt es bei vielen Erkrankungen, aber wir haben immer wieder Fälle, wo die Prognose dem Kind ein Leben von wenigen Monaten einräumt und man hinterher feststellt, es hat doch überlebt und das sogar mit „hoher Lebensqualität“.

Ein weiteres Problem: Nach dem Lammert-Entwurf darf man bis zu acht Embryonen befruchten. Aber in der Regel wird niemand acht Embryonen einpflanzen. Dieser Entwurf würde also zu einer großen Anzahl überzähliger Embryonen führen. Unser Embryonenschutzgesetz ist bislang davon ausgegangen, das wir keine überzähligen Embryonen erzeugen. Das heißt, auf Deutschland käme das Dilemma zu, entscheiden zu müssen, was wir mit diesen Embryonen tun sollen, wenn wir dem Lammert-Entwurf zustimmen. Wollen wir damit forschen oder wollen wir sie einfach wegschmeißen?