Öl-Fleck auf weißer Weste

Trotz der Umweltkatastrophe setzt BP seine Tiefseebohrungen fort Von Reinhard Nixdorf

Nach der Vorstellung seines Quartalsberichts am Dienstag kann auch BP die Lage nicht mehr schönreden: Die Ölpest im Golf von Mexiko hat nicht nur der Umwelt, den Pflanzen, Tieren und Menschen schwer geschadet, sie hat auch den Verantwortlichen am Unglück ins Wanken gebracht: BP, mit über zweihundertfünfzig Milliarden Dollar Jahresumsatz das viertgrößte Unternehmen der Welt, ist schwer angeschlagen: 32,2 Milliarden Dollar wird die Ölpest den Konzern kosten, hieß es am Dienstag, die Quartalsverluste liegen bei 17,2 Milliarden Dollar – gegenüber 4,4 Milliarden Dollar Plus im Vorjahreszeitraum. Um an Geld zu kommen, werden Teile des Konzerns verkauft, der alte Chef macht einem neuen Platz.

Doch BP setzt weiter auf technisch riskante Unterwasserbohrungen und will vor der libyschen Küste in noch größeren Tiefen als im Golf von Mexiko bohren. Denn die ergiebigsten Ölreserven liegen in der Tiefsee – auch wenn der Anteil von Tiefseebohrungen nur sechs Prozent der Weltölförderung ausmacht, solange man sie als Bohrungen definiert, die dreihundert Meter Tiefe überschreiten. Die gesamte Unterwasserförderung und damit die Förderung in flachen Gewässern umfasst jedoch dreißig Prozent an der Weltölförderung. So gesehen fragt sich schon, wie realistisch der sofortige Ausstieg aus der Unterwasserförderung ohne drastische Preissteigerungen wäre.

Aber wenn BP seine Strategie nicht ändert, versucht es dann wenigstens, besser vor Katastrophen zu schützen? Für Schutz könnten Entlastungsbohrungen sorgen oder verbesserte „Blowout-Preventer“, Absperr-Ventile über dem Bohrloch, die den Austritt von Öl, Gas und Bohrflüssigkeit verhindern. Denn die Leitungen zum Bohrloch stehen mit bis zu achthundert Bar unter ungeheurem Druck – und entsprechend groß ist die Gefahr, dass sie bersten oder die Ventile platzen.

Bisher jedenfalls ist das Potenzial, auf Ölkatastrophen zu reagieren, kleiner als die Fähigkeit, Öl zu fördern: Heute werden Ölkatastrophen fast noch genauso bekämpft wie vor dreißig Jahren. Bereits bei der Havarie der Pemex-Bohrinsel Ixtoc 1 im Juni 1979 vor der Küste Mexikos wurden das Dispersionsmittel Corexit versprüht und schwimmende Barrieren ausgelegt. Gestoppt wurde die Ölpest erst neun Monate später mit einer Entlastungsbohrung, bei der Zement ins Bohrloch gepresst wurde. Dazwischen traten über eine halbe Milliarde Liter Rohöl aus. Fische und Vögel starben, Strände wurden verschmutzt, der Tourismus brach ein. Für den mexikanischen Ölförderer Pemex blieb das Ganze ohne große Folgen. Rund hundert Millionen Dollar zahlte er für Reinigungsarbeiten, die meisten Schadensersatzansprüche wurden abgeschmettert. 1978 prallte der Tanker Amoco Cadiz gegen einen Felsen in der Bretagne und zerbrach: Zweihundertfünfzig Millionen Liter Rohöl liefen aus, dreihundertfünfzig Küstenkilometer wurden verschmutzt. Geschätzte Schadenshöhe: Zweihundertfünfzig Millionen Dollar. In einer Klagewelle versuchten betroffene Kommunen und die französische Regierung, den Ölriesen Amoco zur Kasse zu bitten. 190 Millionen Dollar wurden später gezahlt – für Reinigungsarbeiten, Fischer und die Tourismuswirtschaft. Die starke Meeresströmung und die offene See ließen das Öl bald verschwinden. Dieser Effekt half nach dem Unglück des Tankers Exxon Valdez 1989 im Prince-William-Sund von Alaska nicht: Nachdem der Tanker auf ein Riff gelaufen war, traten vierzig Millionen Liter Rohöl aus, verschmutzten die Felsenküste und viele kleine Inseln. Kälte verhinderte, dass sich Teile des Öls verflüchtigten, der kurze Sommer ließ zu wenig Zeit für Reinigungsarbeiten: Bis heute stößt man auf Spuren der Katastrophe. Erst zwanzig Jahre nach dem Unglück endete der Streit über Entschädigungszahlungen: Die Strafzahlungen für Exxon dürften fünfhundert Millionen Dollar nicht übersteigen, entschied 2008 das oberste Gericht in Washington. Zusätzlich zahlte Exxon noch drei Milliarden Dollar für Reinigungsarbeiten und Entschädigungen an Fischer und Hoteliers. Danach wurden die Gesetze in den Vereinigten Staaten verschärft: Seither dürfen bestimmte Häfen nur noch mit doppelwandigen Tankschiffen angelaufen werden.

Offensichtlich bleibt die Frage der Risikobegrenzung und Schadenshaftung auf der Tagesordnung – auch in Europa: Die Anfang der siebziger Jahre erschlossenen Ölfelder in der Nordsee versiegen, Ingenieure dringen in immer weitere Tiefen vor: Auf siebenundzwanzig Plattformen in der Nordsee wird derzeit in Tiefen unter hundertachtzig Metern gebohrt. Wie gut sind die Ölfirmen auf eine Katastrophe in der Nordsee vorbereitet? Günther Oettinger, in der Europäischen Kommission für Energie zuständig, fordert den Stopp der Genehmigungsverfahren, bis die Ursachen der Katastrophe im Golf von Mexiko geklärt sind. Norwegen will erst einmal keine Anträge für neue Projekte bearbeiten, Großbritannien ist gegen ein Moratorium und genehmigt weiter Projekte. Die Ölindustrie lehnt einen Genehmigungsstopp ab. Derzeit spricht die Kommission mit allen Beteiligten, um etwa die Haftungsfrage bei möglichen Unglücksfällen zu klären. In den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist die Frage der Haftung vom Verursacherprinzip geprägt und in voller Höhe durchsetzbar. Ansonsten hält EU-Kommissar Oettinger es für überlegenswert, die gesamten Rechtsvorschriften zu europäisieren oder zu vereinheitlichen, denn, sagte er vor Journalisten, „das Meer ist unteilbar und es macht keinen Sinn, wenn unterschiedliche Vorschriften für Genehmigungen, Kontrollen und Betriebsauflagen und für Schadensfragen gelten“. Umweltschützer kritisieren, dass sich Gesetze auf Tankerunglücke bezögen, nicht auf Katastrophen, die von Ölplattformen verursacht wurden. Im September will Oettinger einen Plan für bessere Sicherheitsstandards vorlegen.

Eines ist klar: Vor weiteren Ölkatastrophen ist man erst geschützt, wenn den Energie-Multis riskante Unterwasserbohrungen zu teuer gegenüber dem Umstieg auf alternative Energieträger werden. Dass sie zu diesem Umstieg nicht einmal bereit sind, wenn Schadenersatz in Milliardenhöhe droht, zeigt die Katastrophe im Golf von Mexiko. Also ist es Aufgabe der Politik, den Druck zu steigern, der den Energie-Multis diesen Umstieg nahelegt.