„Nur die Fundamentalisten wollen eine Mauer hochziehen“

Ägypten: Bischof Boutros Fahim über Bangen und Hoffnung ein Jahr nach Mubarak. Von Michaela Koller

Mitglied des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und zuständig für die Gespräche mit der Universität Al Azhar in Kairo: Anba Boutros Fahim. Foto: Koller
Mitglied des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und zuständig für die Gespräche mit der Universität Al Azh... Foto: Koller

Ein Jahr nach der ägyptischen Revolution gegen das Regime von Hosni Mubarak ist die Zukunft des Landes am Nil ebenso unsicher wie die Situation der Christen, die rund zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Michaela Koller sprach in Kairo mit den koptisch-katholischen Weihbischof Anba Boutros Fahim. Der 50-jährige Ägypter, der im Jahr 2006 zum Bischof geweiht wurde, promovierte in Rom an der Universität Gregoriana und ist als Mitglied des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog zuständig für die Gespräche mit der Universität Al Azhar in Kairo, deren Großimam Ahmed El-Tayeb als höchste Rechtsautorität in der sunnitischen Welt hohe Anerkennung genießt.

Am 25. Januar jährt sich die ägyptische Revolution auf dem Platz der Freiheit in Kairo (Midan Tahrir). Haben sich die Kopten seitdem mit der Situation arrangiert?

Die Situation der Kopten, die zehn Prozent der Bevölkerung stellen, war noch nie leicht, aber es war ein Arrangement, mit dem man leben konnte. Der Kirchenbau war reduziert und die Übertritt vom Islam zum Christentum verboten. Insofern war die Religionsfreiheit eingeschränkt. Sie waren auf der einen Seite integriert, aber die Aufstiegsmöglichkeiten waren begrenzt. Kopten waren bislang zum Beispiel in der Lehre tätig, aber sie hätten nicht Dekan einer Fakultät werden können. Es gab darüber kein Gesetz, sondern das war die Alltagspraxis.

Die Kopten hatten zu Beginn der Revolution große Angst, weil sie nicht wussten, wohin sich die Situation entwickelt. Junge Christen haben mich gefragt, wie sie sich dazu stellen sollen. Ich habe ihnen geantwortet, dass sie das tun sollen, was sie für richtig halten. Es fehlte nach dem Zusammenbruch des Mubarak-Regimes ein Plan, eine organisatorische Hand, die die einzelnen Schritte vorbereitete. Es fehlte überhaupt an einer einheitlichen Idee von dem, was man statt des alten Regimes überhaupt wollte.

Seit Freitag liegen die Gesamtergebnisse der ersten freien Parlamentswahlen vor. Knapp unter 50 Prozent der Stimmen entfielen demnach auf die Kandidaten der Muslimbruderschaft. Was bedeutet das für das Zusammenleben der einheimischen Christen mit ihren muslimischen Landsleuten, die in der Mehrheit sind?

Aktuell ist kein roter Faden im Programm der Muslimbrüder im Hinblick auf das Verhältnis zu den Christen erkennbar und einzelne ihrer Vertreter widersprechen sich in ihren Ankündigungen, was die gemeinsame Zukunft betrifft. Es gibt daher keine Transparenz und keine Vertrauenswürdigkeit.

Die Salafisten aber haben bereits eine Art Polizei mobilisiert. Ich glaube, dass sie damit die Reaktion der Menschen testen wollen. Sie sind zum Beispiel in ein Damenbekleidungsgeschäft gegangen und haben behauptet, dass dort kein Mann stehen darf, um die Waren zu verkaufen. Oder sie sind in die Bibliotheken gegangen und haben da behauptet, dass dort Männer und Frauen nicht zusammen studieren dürfen. Ein Vertreter der Salafisten schlug zudem vor, die jahrtausendealten pharaonischen Statuen mit Wachs zu verhüllen.

Wie reagieren die Kopten auf die Situation?

Gerade die einfachen Leute hat die starke Zustimmung für die Muslimbruderschaft verängstigt, weil sie sich daran erinnerten, dass es in den siebziger Jahren Gewaltausbrüche gegen Christen seitens dieser Bruderschaft gegeben hat. Kirchen waren angezündet und Menschen umgebracht worden. Viele Kopten, die Geld haben, sind emigriert oder denken ans Auswandern. Es gibt aber eine dünne Schicht von Intellektuellen, die sich durch die Vorgänge nicht beängstigen lassen. Sie sind einfach dadurch sehr ermutigt worden, dass der Sturz Mubaraks gelungen ist. Sie glauben, dass sie so auch mit denen fertig werden, die hier das Scharia-Recht in allen Lebensbereichen durchsetzen wollen. Sie bekommen auch Rückhalt von muslimischer Seite, die die Idee der Menschenrechte teilen. Auf diese Zusammenarbeit vertraue ich stark. Es gibt eine moderate Basis, die zu der Kultur der Ägypter gehört. Selbst unter den Armen, wo die Salafisten ihre Wähler rekrutieren, werden diese nur zu einem gewissen Punkt Erfolg haben. Christen und Muslime würden dann gemeinsam gegen die Radikalen aufstehen.

Worin können die westlichen Länder Sie in dieser Situation sinnvoll unterstützen?

Von der katholischen Kirche wird etwa erwartet, dass sie ihre Bildungseinrichtungen, die ja ihre Stärke sind, ausbaut, um sie quasi zu Zentren des Dialogs werden zu lassen. Ich selbst veranstalte zweimal im Monat in meinem Bistum Begegnungen zwischen Muslimen und Christen, wo über die Bedeutung der Freiheitsrechte und gegenseitige Akzeptanz gesprochen wird. Auf diesem Weg kann man wirklich etwas erreichen.

Vorigen Dienstag hat die Universität Al Azhar eine neue Erklärung veröffentlicht, die sich auch deutlich gegen salafistische Bestrebungen abgrenzt und auch Religionsfreiheit erwähnt. Wissen Sie Näheres darüber, was darunter nun im eigentlichen Sinne verstanden wird?

Sofort nach der Passage über die Religionsfreiheit betonen die Autoren, dass es zwar eine geistige Freiheit, aber nicht die des Glaubens geben soll. Die Erklärung ist zwar mit großem Jubel aufgenommen worden, aber sie bedeutet nicht wirklich einen Schritt nach vorn, denn es ist darin nichts Neues enthalten. Auf die wichtige Frage, ob man die Religion wechseln kann, wird nicht eingegangen.

Was können wir in Europa von den Christen des Orients lernen, die seit 14 Jahrhunderten mit den Muslimen zusammenleben?

Der Dialog setzt voraus, dass beide Partner ihre eigene Religion sehr gut kennen, sonst habe ich nichts, was ich mit den Vorstellungen meines Gesprächspartners vergleichen kann. Es gibt verschiedene Stufen des Dialogs. Der Dialog über die Dogmatik muss außen vor bleiben, weil wir da keine Gemeinsamkeiten finden werden.

Der ethische Dialog hingegen ist sehr hilfreich. Dabei können wir Werte und moralische Prinzipien miteinander vergleichen. Voraussetzung dafür ist die Akzeptanz der anderen Kultur und Mentalität.

Auch der soziale Dialog ist eine dritte Möglichkeit, wie das gemeinsame Engagement für gemeinnützige Einrichtungen wie Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser, um so gemeinsam etwas für die Gesellschaft zu tun und sich da zu treffen.

Und auch der spirituelle Dialog ist ein Weg, der Austausch über die religiöse Praxis zur gegenseitigen Befruchtung. Und nicht zuletzt gibt es den Dialog des Alltags gemäß dem Sprichwort: Dein Nachbar ist Dir näher als Dein Bruder in einer anderen Stadt. Das ist etwas, was hier in Ägypten sehr schön funktioniert. Nur die islamischen Fundamentalisten wollen zwischen den christlichen und muslimischen Nachbarn eine ideologische Mauer hochziehen.