Nordirak: Ungeduldiges Warten auf die Befreiung der Niniveebene

Der chaldäische Patriarch Sako hofft auf einen Militäreinsatz gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Von Gerhard Arnold

Kurdische Peschmerga
Ein Peschmerga-Kämpfer schaut vom Zardk-Berg im Norden des Iraks auf ein Dorf, das unter der Kontrolle der Terrormiliz „Islamischer Staat“ steht. Iraks Kurden sind der wichtigste Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Foto: dpa
Kurdische Peschmerga
Ein Peschmerga-Kämpfer schaut vom Zardk-Berg im Norden des Iraks auf ein Dorf, das unter der Kontrolle der Terrormiliz „... Foto: dpa

Nahöstliche Kirchenführer befürchten das Ende des Christentums in seinem Ursprungsgebiet, in Syrien, der Ninive-Ebene im Nordirak und im Südosten der Türkei. Sie richten ihre große, vielleicht letzte Hoffnung auf einen militärischen Erfolg gegen die IS-Terroristen

Der Auftakt zur Befreiung Mossuls von der IS-Herrschaft hat begonnen. Den kurdischen Peschmerga-Kämpfern ist es Mitte August gelungen, ein Dutzend verlassene Dörfer 30 Kilometer südöstlich von Mossul einzunehmen. Auch die Ausbildung der irakischen Armee durch US-Soldaten ist in diesem Jahr weiter vorangekommen. Noch in diesem Jahr will die irakische Regierung die Entscheidungsschlacht um Mossul eröffnen und gewinnen. Die irakischen Christen sehnen die Befreiung von Mossul und der ganzen Ninive-Ebene östlich des Tigris-Stroms herbei. Diese Christen gehören zur Urbevölkerung des Landes und nennen sich Aramäer, Assyrer und Chaldäer.

Sie werden den 10. Juni 2014 nicht vergessen, die Eroberung von Mossul durch den „Islamischen Staat“ und die endgültige Vertreibung aus der Stadt zwei Monate später. Sie werden auch die Nacht vom 6. zum 7. August 2014 nicht vergessen, als die größte christliche Stadt in der Ninive-Ebene, Karakosch, mit damals 50 000 Christen von den Mordbanden des IS überrannt wurde und die Bewohner in der Nacht Hals über Kopf davonrennen mussten. Rund 150 000 Christen flohen damals ins Gebiet der Kurdischen Selbstverwaltungsregion. Sie leben dort nach wie vor in schwierigsten Verhältnissen und wollen noch vor Wintereinbruch 2016 in ihre angestammten Städte und Dörfer zurückkehren.

Die chaldäisch-katholischen Kirchenführer spüren den Druck der Flüchtlingsfamilien, ihr Drängen, ihr Elend abschütteln und endlich wieder ein Leben in Würde und Sicherheit führen zu können. Besucher bei den Christen im Nordirak hören seit Jahresbeginn immer öfter: „Wir wollen keinen dritten Notwinter mehr erleben, wir wollen zurück in unsere Dörfer und Städte, sonst gehen wir für immer ins Ausland.“

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte der syrisch-katholische Erzbischof Mouche im Juli 2015, wenn es nicht bald eine militärische Befreiung der Ninive-Ebene gebe – er dachte damals noch an internationale Truppen –, würde er die komplette Auswanderung mit seinen Gläubigen ernsthaft erwägen. Daraus ist mittlerweile eine Mehrheitsmeinung geworden. Der chaldäische Patriarch Raphael Sako sagte am 24. Februar dieses Jahres im Gespräch mit N-TV: „Ich würde Deutschland gern dazu bewegen, den Irak dabei zu unterstützen, den ,Islamischen Staat‘ (IS) zu vernichten – als militärische Gruppe und auch als Ideologie.“ Am 7. August richtete er im Gespräch mit Radio Vatikan „einen dringenden Appell an die Staatengemeinschaft, den Prozess der Befreiung Mosuls sowie der christlichen Städtchen in der Ninive-Ebene mit allen Kräften rasch voranzutreiben“. Und danach? Eine internationale Schutztruppe sollte nach Ansicht des Patriarchen für eine gewisse Zeit „im Bereich Mossul/Ninive-Ebene für Ruhe und Sicherheit sorgen“. Mit dieser Meinung hat er sich der Position der christlich-assyrischen Politiker angenähert, die seit Jahren eine wirksame Schutztruppe für die Christen fordern, allerdings eine eigene, die der Patriarch ablehnt.

„Wir wollen keinen

dritten Notwinter mehr erleben, wir wollen

zurück in unsere Dörfer und Städte, sonst gehen wir für immer ins

Ausland“

Die Hoffnung der Christen, ihrer politischen Vertreter und ihrer Kirchenführer auf einen militärischen Sieg der irakischen Streitkräfte im Verbund mit kurdischen und anderen Einheiten ist alles andere als selbstverständlich. Die Christen im Nahen Osten sind aus Tradition und Überzeugung der Gewaltfreiheit verpflichtet. Ihre Rolle in den letzten Jahrhunderten war die der Mittler in religionspolitischen und ethnischen Konflikten. Im Licht des christlichen Liebesgebots warben sie um friedliche Streitbeilegung. Noch sechs Wochen nach der Eroberung von Mossul erklärte eine Gesamtkonferenz der irakischen Kirchenführer am 25. Juli 2014 unter Vorsitz von Patriarch Sako, sie verlange von der irakischen Regierung „den notwendigen Schutz für uns und andere Minderheiten, sowie die Wahrung ihrer vollen Rechte“. Darüber hinaus „fordern wir Menschen mit einem Gewissen im Irak und in der ganzen Welt auf, Druck auf diese Militanten auszuüben, damit sie mit der Zerstörung von Kirchen und Klöstern und der Verbrennung von Schriften und Reliquien des christlichen Erbes aufhören“. Ein fruchtloser Appell, wie man längst weiß. Im Herbst 2014 baten die Kirchenführer erstmals um einen internationalen Militäreinsatz im Nordirak, um das Wüten der islamistischen Fanatiker zu beenden. Sie waren nicht mehr bereit, die Alternative Flucht oder Tod zu akzeptieren, denn sie hängen an ihrer Heimat und an ihrer Berufung, an der historischen Wiege des Christentums weiterhin Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen. Erst in äußerster Bedrängnis baten sie um militärische Hilfe von außen. Ein Beispiel: Am 18. September sagte Patriarch Sako in Genf, notwendig sei eine „internationale Koalition unter der Ägide der Vereinten Nationen“, um die Rechte der hunderttausenden Vertriebenen im Nordirak zu schützen und zu verteidigen. Allerdings würden Luftangriffe „nur weitere schuldlose Personen töten“, notwendig seien vielmehr Bodentruppen „auch aus arabischen Ländern“. Die Vereinten Nationen hätten für die sichere Rückkehr der Vertriebenen in ihre Städte und Dörfer Sorge zu tragen.

Doch welches Land wäre bereit gewesen, eigene Soldaten in einen voraussichtlich blutigen und lang dauernden Kampf gegen unberechenbare Feinde zu schicken? Es war deshalb ein Kompromiss, den US-Präsident Barak Obama einging. Er befahl am Tag, an dem Karakosch fiel, einen sofortigen Einsatz von Kampfjets gegen weiter vorrückende IS-Verbände, der am Folgetag, am 8. August 2014, begann.

Patriarch Sako weiß, dass ein siegreicher Waffengang zur Befreiung Mossuls dem Land noch lange keinen Frieden bringen würde. Die innerirakischen Konfliktparteien müssen den Weg der Versöhnung gehen und eine konstruktive politische Zusammenarbeit beginnen. Daneben ist nach seiner Überzeugung ein grundsätzlicher Mentalitätswandel der irakischen Muslime vonnöten, so in dem genannten Interview mit Radio Vatikan. Dazu gehöre auch die Trennung von Religion und Politik. Um die gefährliche Ideologie des Fanatismus zu überwinden und zu zerstören sei es notwendig, eine neue Kultur mit „einer klaren Vision der gegenseitigen Annahme, des Respekts vor der Würde des Menschen und der gemeinsamen Hinwendung zu den Werten des Friedens, der Gerechtigkeit und der Gleichheit“ aufzubauen.