Neue Hoffnung für Amazonien

Brasiliens Regierung verkündet Maßnahmen zum Schutz der Umwelt – Druck auch von der Kirche

Setzt jetzt ein Umdenken der brasilianischen Regierung ein? Bisher fand Umweltpolitik, auch in der zweiten Amtszeit Präsident Lula da Silvas, sozusagen nicht statt. Stattdessen wurden Milliarden in den Ausbau der Infrastruktur für die boomende brasilianische Exportwirtschaft investiert und prestigeträchtige, aber ökologisch schädliche Großprojekte forciert. Der fortschreitenden Zerstörung des Regenwaldes wurde staatlicherseits wenig entgegengesetzt – zu mächtig ist die Lobby der Großgrundbesitzer, die durch Brandrodungen riesige Weiden für ihre Viehherden schaffen; zu gewinnversprechend ist auch die Entstehung landwirtschaftlicher Flächen für den Anbau von Exportprodukten wie Zuckerrohr. Das ist der Hauptrohstoff für die Gewinnung des Biotreibstoffes Ethanol. Und Brasilien ist momentan weltweit führender Produzent von Ethanol.

Nun kündigten in der vergangenen Woche Lula da Silva und seine Umweltministerin, Marina Silva, Maßnahmen gegen die sich beschleunigende Vernichtung des Regenwaldes an. Das heißt: Die Einheiten der Bundespolizei, die in das am stärksten gefährdete Amazonasgebiet entsandt werden sollen, werden um 25 Prozent verstärkt, um gezielter gegen Brandrodungen und Abholzungsaktionen durch Großkonzerne vorgehen zu können.

Außerdem soll die staatliche Umweltbehörde personell aufgestockt werden. Konkrete Zahlen wurden nicht genannt; dennoch macht allein die Ankündigung Hoffnung: Seit Jahren klagen Beamte der Umweltbehörde, dass sie personell unterbesetzt seien und meist zu spät kämen, erst dann, wenn wieder irgendwo wertvoller Baumbestand vernichtet sei. Vorausgegangen war zuletzt eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts. Auf dem Tisch lagen neue Zahlen, die für das vergangene Jahr ein weiteres dramatisches Fortschreiten der Vernichtung des Waldbestandes belegen. Wenn dieses Tempo unvermindert anhalte, so die Umweltministerin, würde dies bis August 2008 eine Zunahme der Zerstörung um 34 Prozent gegenüber dem Sommer 2007 bedeuten.

Rasanter Fortschritt der Umweltzerstörung

Aktuelle Satellitenaufnahmen des Militärs, die zurzeit noch von zuständigen Beamten ausgewertet werden, belegen auf jeden Fall, dass die Zerstörung des Waldes viel rasanter fortschreitet als bisher angenommen. Als eine der Ursachen werden unter anderem die steigenden Preise für landwirtschaftliche Produkte vermutetet. Sie machen die Gewinnung neuer Anbauflächen durch Zerstörung des Waldes noch attraktiver.

Die neuen alarmierenden Zahlen haben der brasilianischen Regierung offensichtlich die Notwendigkeit zum Handeln vor Augen geführt. Vielleicht zeigen auch vermehrte Proteste von Umweltgruppen und Gruppen der Zivilgesellschaft und nicht zuletzt der Kirche Wirkung. Am spektakulärsten war Ende 2007 der Hungerstreik von Bischof Luiz Flavio Cappio, Oberhirte der Diözese Barra im nordöstlichen Bundesstaat Bahia. Er protestierte damit gegen ein staatlich gefördertes Großprojekt zur Umleitung des Rio Sao Francisco. Der Sao Francisco durchfließt verschiedene Bundesstaaten, unter anderem Bahia und Pernambuco, und verbindet den Nordosten mit dem Südosten Brasiliens. Er wird darum auch „Fluss der nationalen Integration“ genannt.

Das Projekt zielt darauf ab, einen Teil des Flusses in großen Kanälen weiter nach Norden umzuleiten. Die Begründung der Regierung: Damit solle die Trinkwasserversorgung der dort lebenden Bevölkerung verbessert werden. Umwelt- und Bürgergruppen argumentieren hingegen, das umgeleitete Wasser fließe größtenteils in landwirtschaftliche und industrielle Projekte; den indigenen Gruppen und Fischern entlang des Flusses aber würde ihre Lebensgrundlage entzogen.

Gegen die drohende Vernichtung eines Lebensraumes protestierte Bischof Cappio schon einmal im Jahr 2005, als das Projekt in die Wege geleitet wurde, durch einen mehrtägigen Hungerstreik. Damals konnte er einen Erfolg verbuchen, denn die Regierung Lula da Silva erklärte sich zum Dialog mit der betroffenen Bevölkerung bereit. Ihre damaligen Zusagen hielt die Regierung jedoch nicht ein. Stattdessen wurde im Mai 2007 das Militär mit dem Beginn der Bauarbeiten beauftragt.

Als alle Proteste und juristischen Eingaben nichts fruchteten, sah sich Bischof Cappio gezwungen, im November einen erneuten Hungerstreik zu beginnen. Internationale Solidaritätsbekundungen und Appelle kirchlicher Hilfswerke an Präsident Lula da Silva begleiteten die Protestaktion des Kirchenmannes. Erst nach einem Zusammenbruch kurz vor Weihnachten beendete Cappio seinen Hungerstreik, kündigte allerdings an, seinen Kampf für den Erhalt des Sao Francisco mit anderen Mitteln fortzusetzen.

Bischof Kräutler setzt auf die junge Generation

Mit dieser Aktion hat er international Aufmerksamkeit erregt. Das ist sicherlich nicht ohne Eindruck auf die brasilianische Regierung geblieben, selbst wenn Präsident Lula da Silva offiziell noch an dem Bauvorhaben zur Flussumleitung festhält. Aber die viel beachtete Pressekonferenz, mit der die Regierung die Verbesserung ihrer Umwelt-Maßnahmen jetzt ankündigte, zeigt eines: dass allmählich doch das Bewusstsein von den ökologischen und sozialen Folgekosten der rasanten Umweltzerstörung zunimmt.

Die Regierung kann auch die wachsende Sorge der Bevölkerung nicht ignorieren. Das bestätigt Erwin Kräutler. Der aus Österreich stammende Bischof, der seit über 40 Jahren am Rio Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas lebt, stellt im Gespräch mit der „Tagespost“ fest: „Noch vor zwei, drei Jahren waren die Menschen begeistert über den wirtschaftlichen Aufschwung Brasiliens. Heute haben sie Angst.“ Kürzlich besuchte der Bischof eine Schule in seiner Diözese. Und, so erzählt er: „Bei den Gesprächen mit den Jugendlichen habe ich deutlich gemerkt, dass diejenigen, die heute 15 sind, sich sehr mit den Fragen der Schöpfung beschäftigen und mit der Frage, was in zehn Jahren sein wird: wenn sie Familienväter und Mütter sind, ob dann ihre Kinder und sie noch eine Lebensbasis haben werden.“