Muslime helfen Christen

Die Bevölkerung leidet unter dem Terror von „Boko Haram“ – Neue Anschläge. Von Carl-Heinz Pierk

Unvergessen: Demo am Jahrestag der Entführung der Schülerinnen aus Chibok. Foto: dpa
Unvergessen: Demo am Jahrestag der Entführung der Schülerinnen aus Chibok. Foto: dpa

Vielen Christen in Nigeria war an den Weihnachtstagen nicht zum Feiern zumute. Denn Terror und Gewalt durch die islamistische Terrorbewegung „Boko Haram“ haben das Leben von Millionen Menschen massiv verändert. Seit 2010 richten sich die Anschläge der Islamisten zunehmend auch gegen Christen. Weihnachten 2010 zündete „Boko Haram“ zwei Bomben in Jos, Bundesstaat Plateau, und traf damit viele Kirchgänger. Unzählige Angriffe auf Christen und Kirchen vor allen in den Bundesstaaten Yobe, Borno und Adamawa folgten. Bei einem Bombenanschlag zu Weihnachten 2014 auf die katholische St.-Theresa-Kirche in Madalla nahe Abuja, der Hauptstadt Nigerias, starben 43 Gottesdienstbesucher, zahlreiche Gläubige wurden verletzt.

Am diesjährigen Weihnachtsfest gab es – so weit bekannt – zwar keine Anschläge auf Kirchen, doch wurde am ersten Feiertag im Nordosten Nigerias das Dorf Kimba im Bundesstaat Borno niedergebrannt. Dabei wurden mindestens 14 Menschen getötet und mehrere weitere verletzt, erklärte auf Anfrage der „Tagespost“ Ulrich Delius, Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Er macht „Boko Haram“ für die brutale Tat verantwortlich. Hunderte Dorfbewohner seien geflohen. Dabei hatte Präsident Muhammadu Buhari der Armee ein Ultimatum bis Ende Dezember gesetzt, um die Terrorbewegung zu vernichten. Buhari behauptet inzwischen, die islamistische Terrorbewegung sei „technisch“ zerschlagen. In der Tat habe „Boko Haram“ an Boden verloren, meint Delius, von einer Zerschlagung könne aber angesichts der anhaltenden Anschläge keine Rede sein. Im Gegenteil, die Terrorbewegung demonstriert weiter ihre Schlagkraft. Bei neuen Bombenanschlägen im Nordosten Nigerias wurden mehr als 40 Menschen getötet. worden. Am Sonntag und Montag griff „Boko Haram“ die Hauptstadt des Bundesstaates Borno, Maiduguri, mit Panzerfäusten und Selbstmordattentätern an. Es gab zahlreiche Tote, darunter mehrere Kinder. Auf einem Markt im etwa 150 Kilometer entfernten Madagali sprengten sich zwei Selbstmordattentäterinnen in die Luft. In Maiduguri im Norden Nigerias hatte sich „Boko Haram“ 2002 gegründet. Die Stadt war bereits mehrmals Schauplatz von Angriffen der Terroristen.

Seit mehr als fünf Jahren werden die Menschen im Nordosten Nigerias durch Angriffe der islamistischen Terrorgruppe „Boko Haram“ bedroht. Ihr lokaler Name stammt aus der Sprache Haussa, der größten Verkehrssprache im Norden Nigerias, und heißt sinngemäß „Westliche Bildung ist Sünde“. Bisher starben durch Attacken der Islamisten 17 000 Menschen, 2,5 Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Vor allem Kinder und Jugendliche tragen die Hauptlast des blutigen Konflikts. Rund 68 Prozent aller Binnenflüchtlinge im Nordosten des Landes sind nach Informationen des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge Kinder und Jugendliche. Wegen des Terrors von „Boko Haram“ können in mehreren Staaten insgesamt mehr als eine Million Kinder nicht die Schule besuchen. In Nigeria, Kamerun, Niger und dem Tschad seien mehr als zweitausend Einrichtungen geschlossen, erklärte das Kinderhilfswerk Unicef. „Boko Haram“ habe Hunderte Schulen geplündert, beschädigt oder zerstört. Allein in Nigeria wurden laut den Angaben in den vergangenen sechs Jahren 600 Lehrer getötet. Die fehlende Bildung gilt als Nährboden für Radikalisierung und Extremismus.

Amnesty International zufolge hat „Boko Haram“ seit Januar 2014 mindestens zweitausend Frauen und Mädchen in Nigeria entführt. Im April 2014 hatten die Terroristen die „Chibok Government Secondary School“ überfallen und 276 überwiegend christliche Mädchen in den nahegelegenen Sambisa Wald verschleppt. Diese Entführung sorgte für internationale Aufmerksamkeit. Weltweit forderten die Menschen in den sozialen Netzwerken: „Bring back our girls“. Doch die Internats-Schülerinnen sind nicht die einzigen Entführungsopfer. Viele hundert Mädchen und Frauen, über die es keine Medienberichte gibt, sind ebenfalls von „Boko Haram“ verschleppt worden. Im April 2015 gelang es der nigerianischen Armee, fast 300 Mädchen aus den Fängen der Islamisten zu befreien. Die Chibok-Mädchen waren nicht unter ihnen. Ihre Familien quält weiter die Ungewissheit. „Die entführten Schülerinnen aus Chibok dürfen nicht vergessen werden, denn ihr Schicksal steht beispielhaft für die Leiden der Zivilbevölkerung im Nordosten Nigerias unter Bürgerkrieg und Antiterror-Kriegsführung“, erklärte Delius und forderte, Nigerias Regierung müsse ihr Schweigen zu den Chibok-Schülerinnen endlich aufgeben. Präsident Muhammadu Buhari, Ex-General und Muslim aus dem Norden, hatte die Suche nach den Chibok-Mädchen im Sommer 2015 für vorrangig erklärt. Buhari, seit Mai 2015 Nachfolger von Goodluck Jonathan, eines Christen aus dem ölreichen Süden Nigerias, hatte schon im Wahlkampf angekündigt, dass er das Drama der Chibok-Mädchen zur Chefsache machen wollte.

Nach einem schnellen Ende der Gewalt in Nigeria sieht es nicht aus. Erst kürzlich überfielen die Islamisten drei Dörfer im Nordosten des Landes. Mehr als 30 Menschen kamen dabei ums Leben. Die meisten Menschen seien mit Macheten und Äxten massakriert worden, hieß es. Angegriffen hatten die Islamisten auch das Dorf Kamuya im Bundesstaat Borno. Aus Kamuya stammt die Mutter von Tukur Yusuf Buratai, Generalmajor der nigerianischen Armee und Generalstabschef der Streitkräfte. Buratai war am 13. Juli 2015 ernannt worden und hatte den Druck auf „Boko Haram“ erhöht. Inzwischen ist Kamerun verstärkt Ziel der Anschläge, seit das Land ein bedeutendes Kontingent für die von Nigeria geführte 8 700 Mann starke Eingreiftruppe gegen „Boko Haram“ stellt. Daran beteiligt sind auch der Tschad und Niger. Bischof Bruno Ateba von Maroua-Mokolo, einer Diözese im Grenzgebiet, beklagte gegenüber dem Hilfswerk „Kirche in Not“: „Was bei dem Attentat in Paris geschehen ist, erleben wir hier jeden Tag, ohne dass jemand in der Welt davon spricht.“ Die Blicke der Öffentlichkeit richteten sich vor allem auf den Nahen Osten. Im Grenzgebiet von Kamerun und Nigeria sei die Seelsorge gegenwärtig nur unter Militärschutz möglich, sagte Ateba, der der Ordensgemeinschaft der Pallottiner angehört. Von dem Terror sind nach Angaben des Bischofs aber nicht nur Christen betroffen, sondern ihm würden auch zahlreiche Muslime zum Opfer fallen. In mehreren Orten seien Moscheen niedergebrannt und den Imamen die Kehlen durchgeschnitten worden, weil sie sich geweigert hätten, den Anweisungen von „Boko Haram“ Folge zu leisten. Bereits seit Dezember 2013 bezieht demnach die einheimische muslimische Gemeinschaft in Kamerun vermehrt eine klare Stellung gegen „Boko Haram“ und spricht der Gruppierung die Berechtigung ab, von sich zu behaupten, sie seien Muslime. Muslime würden Christen, die in Gefahr sind, oft helfen, berichtet der Bischof von Maroua-Mokolo. Er sagt: „Wir tragen das Leid gemeinsam mit ihnen.“ Der Bischof lobte zugleich den Mut der Gläubigen, die sich vielerorts trotz Gefahr und Angst weiterhin zum Gebet versammeln. Sie seien „wie Glühwürmchen des Glaubens, die in der Nacht leuchten“.