Mit Schüssel und Schulz

Geschichtsbewusst und leidenschaftlich erzählt Bernd Posselt seine Vision für Europa. Von Stephan Baier

Bernd POSSELT
Bernd Posselt hat gute Chancen, bei der Europawahl am 26. Mai seinen Platz im Europäischen Parlament zurückzuerobern. Foto: EP
Bernd POSSELT
Bernd Posselt hat gute Chancen, bei der Europawahl am 26. Mai seinen Platz im Europäischen Parlament zurückzuerobern. Foto: EP

Bernd Posselt zieht für Europa durch Europa. Das ist nichts Neues: Er tat es ab Mitte der 1970er Jahre als Gründer der Paneuropa-Jugend Deutschland, dann als Mitarbeiter Otto von Habsburgs, von 1994 bis 2014 als CSU-Europaabgeordneter, seit langem als Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe.

Wer so viel herumzieht in Europa, wen es stets zu den Krisenherden und Brennpunkten der Umbrüche und Revolutionen zog, wer jahrzehntelang auf europäischer Bühne die Entscheider traf und selbst zum Mitentscheider wurde, der hat etwas zu erzählen. „Bernd Posselt erzählt Europa“, heißt also das Buch, mit dem er gerade durch Europa tingelt: von Wien über Altötting nach Prag, dann weiter nach Berlin.

Er sei ein „echter Wiener“, obwohl er nicht in Wien geboren wurde und nie in Wien gelebt habe, sagt Posselt in Wien. Die väterliche Familie jedoch stamme aus Böhmen. Die anwesenden Wiener lachen wissend. So heterogen das Publikum ist, eine böhmische Großmutter beansprucht der echte Wiener, sei es auch nur aus Geschichtsbewusstsein. Auf dieses setzt Posselt, wenn er das Heilige Römische Reich und das Habsburgerreich zu Inspirationsquellen Europas erklärt, wenn er – die tschechische Botschafterin sitzt in der ersten Reihe – mit Vaclav Havel Europa als „Heimat der Heimaten“ schildert.

Diese größere Heimat sieht Posselt neuerlich bedroht: „Frieden und Freiheit müssen in jeder Generation neu erkämpft werden.“ Der Nationalstaat sei heute einfach zu klein, um die Weltprobleme zu lösen, aber zu groß, um Heimat zu bieten. Europa sei die richtige Betriebsgröße für einen Staat im 21. Jahrhundert.

Europas Souveränität wird zurückgewonnen

Posselt zitiert Franz Josef Strauß, der ein „glühender und drängender Europäer“ gewesen sei, freut sich, dass seine CSU heute mit Manfred Weber wieder so europäisch ausgerichtet sei, wie sie es unter Strauß war. Die Souveränität der Europäer sei nach dem Zweiten Weltkrieg an Washington und Moskau verloren worden, erklärt der Paneuropäer. Die Einigung Europas sei der historische Versuch, den Europäern ihre Souveränität zurückzugeben.

Sorgen bereitet dem kämpferischen Politiker nicht nur eine neuerlich bipolare Welt, mit Amerika und China als Supermächten, sondern auch „die Rückkehr des Nationalismus“. Der Sprecher der Sudetendeutschen erzählt von den Vertreibungsschicksalen der böhmischen Vaterseite und der untersteirischen Mutterseite. Trotz dieses harten Schicksals habe er im Elternhaus nie ein böses Wort gegen Tschechen oder „Jugoslawen“ gehört – wohl aber gegen den Nationalismus, der für so viele Katastrophen des 20. Jahrhunderts verantwortlich sei.

In Wien ist der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel seinem Freund Posselt zur Seite geeilt, in Berlin wird es der frühere Präsident des Europaparlaments und SPD-Chef Martin Schulz sein. Bernd Posselt sei „ein eigenwilliger Mann, unbeirrbar und flexibel zugleich“, erklärt Schüssel lächelnd.

Der Altkanzler distanziert sich von Menasse, ohne den Schriftsteller zu nennen, erklärt dann, warum das föderative Modell der einzige Weg sei, wie Europa funktionieren kann. „Europa ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein fragiles Konstrukt“, sagt Schüssel. Um dann Einblicke in europäische Weichenstellungen seiner Kanzlerjahre zu geben (2000 bis 2007). Bis heute schmerze ihn, dass es nicht gelang, ein „eindeutiges Bekenntnis zum Christentum“ im EU-Vertrag zu verankern, gesteht Schüssel. Gescheitert sei dies nur an zwei Männern: am konservativen Präsidenten Frankreichs, Jacques Chirac, und am liberalen Premierminister Belgiens, Guy Verhofstadt.

Nur einmal gibt es Meinungsverschiedenheiten

Nur einmal blitzen Auffassungsunterschiede zwischen Schüssel und Posselt auf: Der Altkanzler wirbt für eine verstärkte Zusammenarbeit jener EU-Staaten, die in einer Frage weiter gehen wollen, der leidenschaftliche Parlamentarier Posselt dagegen setzt auf die Gemeinschaftsmethode, also auf die Stärkung des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission. Daran kann er ab 26. Mai wohl wieder als Europaabgeordneter weiterarbeiten, doch bis dahin tingelt Bernd Posselt noch tausende Kilometer Europa erzählend durch Europa.