Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde

Gerade in unruhigen Zeiten erscheinen Esoterik und Okkultismus als Wege, „mit Hilfe von oben“ Ordnung in das Chaos der Menschheit zu bringen. Christen wissen: Das ist eine Täuschung. Von Stefan Ahrens

Tarot Cards
Tarot Cards in Warm Cast Foto: (35399917)

Wenn es draußen immer dunkler, kälter und nebliger wird, dann steigt zumindest in hiesigen Gefilden bei vielen Menschen die Sehnsucht nach dem Schaurig-Schönen. Sichtbarstes Zeichen hierfür ist ein wohlbekanntes Event, auf das sich nicht nur Stars und Sternchen wie Heidi Klum jedes Jahr hochmotiviert vorbereiten: das auch hierzulande gefeierte Halloween-Kostümfest am 31. Oktober aus den USA. An diesem Tag ziehen bekanntermaßen Kinder und Jugendliche mehr oder weniger phantasievoll als Hexen, Teufel, Vampire oder Werwölfe verkleidet durch die Straßen, um an fremden Häusern zu läuten und Süßigkeiten einzusammeln – und natürlich, um für so manchen makaberen Streich zu sorgen.

Passend zur alljährlich wiederkehrenden „Monsterstimmung“ Ende Oktober füllen sich die Supermärkte mit Kürbissen, die Warenhäuser mit Grusel-Kostümen und auch auf vielen Fernsehsendern und Streamingdiensten läuft deutlich mehr aus der Horrorfilm-Abteilung als sonst im Laufe des Jahres. Im TV-Serienbereich wiederum haben vor allem Hexerei und Okkultismus gegenwärtig Hochkonjunktur: Zum Beispiel in Form der Neuauflage der 90er-Jahre-Serie „Charmed“, die Fantasy-Romanverfilmung „A Discovery of Witches“ oder einer weiteren 90er-Jahre-Neuauflage – der diesen Freitag auf Netflix anlaufenden Gruselserie „The Chilling Adventures of Sabrina“. In dieser an ein Teenagerpublikum gerichteten Serie versucht eine junge angehende Hexe namens Sabrina Spellman (gespielt von Kiernan Shipka aus „Mad Men“), ihr Leben zwischen Highschool-Alltag und Hexerei unter einen (Zauber-)Hut zu bringen. Das klingt zunächst mehr nach „Die Kleine Hexe“ als nach „Rosemary‘s Baby“ – doch laut Netflix-Angaben wird sich die Serie wohl deutlich näher an „Der Exorzist“ und anderen Horrorfilmen der 1970er Jahre orientieren als an Harry Potter, Bibi Blocksberg oder gar der eigenen Sitcom-Vorgängerserie aus den 1990ern. Das Teenagerpublikum verlange es heutzutage einfach so. Erste, äußerst stimmungsvolle Bilder und Trailer zu „The Chilling Adventures of Sabrina“ geben der Netflix-Ankündigung uneingeschränkt recht – und die Netflix-Algorithmen irren sich bekanntermaßen nie, wenn es darum geht, einen TV-Hit bei der entsprechenden Zielgruppe zu landen.

Gewiss, es fällt nicht schwer, über Events wie Halloween sowie die alljährlich damit einhergehende multimedial befeuerte Konsum-Großoffensive die Nase zu rümpfen. Ganz zu schweigen natürlich, dass das eigentliche Fest, das an Halloween gefeiert wird, urkatholisch ist und sogar dessen Namensgeber war: „All Hallows Eve“ – ein aus Irland stammendes katholisches Fest mit zahlreichen Sitten und Gebräuchen am Vorabend von Allerheiligen. Doch mit Bedauern allein ist es nicht getan. Denn Events wie Halloween oder (durchaus unterhaltsame und professionell produzierte) Serien wie „The Chilling Adventures of Sabrina“ sind letztendlich nur „Light“-Versionen eines Phänomens, das in den letzten Jahrzehnten immer stärker im pop- und hochkulturellen Mainstream zu beobachten ist: ein Erstarken der Esoterik und des Okkulten im öffentlichen Raum.

Warum dieses zu beobachtende Phänomen ausgerechnet in sich selbst als aufgeklärt wähnenden Gesellschaften der Fall ist, überrascht bei näherem Hinsehen gar nicht. Denn zu allen Zeiten, in denen es politische, ökonomische und kulturelle Unsicherheiten gegeben hat, kam es nicht selten vor, dass Menschen das Bedürfnis verspürten, mit dem Übernatürlichen in Kontakt zu treten, um ein Stück Kontrolle für ihr eigenes Leben oder das ihrer Liebsten zurückzugewinnen. Denn in einer Sache sind sich gläubige Christen mit strammen Esoterikern und Okkultisten vollkommen einig: nämlich in der Annahme, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben muss als allein das, was eine naturwissenschaftlich-technizistisch geprägte „instrumentelle Vernunft“ (Max Horkheimer) für annehmbar halten will. Jenseits der „sichtbaren“, das heißt der empirisch verifizier- oder falsifizierbaren Gegenstände und Erscheinungen gibt es nämlich auch eine „unsichtbare Welt“ des Übernatürlichen und Wunderbaren, in der geheimnisvolle Wesen, Mächte und Gewalten dazu befähigt sind, nicht nur in das Diesseits einzugreifen, sondern ganz konkret auch Dinge bewirken können.

Und selbst nicht wenige sich strikt agnostisch wähnende Menschen haben bekanntermaßen keinerlei Probleme damit zuzugeben, dass sie an die Existenz von Engeln glauben und sogar eine nicht geringe Hoffnung in deren Wirken setzen. Vermutlich nicht wenige dieser an Engel glaubenden Agnostiker wären erstaunt darüber, wenn sie wüssten, dass der christliche Glaube selbstverständlich auch den Glauben an Engel als Schutz- und Hilfsmächte beinhaltet – und wohl kaum jemand eine faszinierendere und kühnere Vision von den Engeln hatte wie jener Verfasser der im 6. Jahrhundert erschienenen „Himmlischen Hierarchie“, den die Tradition nach dem Schüler des Apostels Paulus, Dionysos Areopagita, bezeichnet.

Doch nicht nur der Glaube an gute Wesen ist unter heutigen Zeitgenossen weitverbreiteter als man denkt, sondern selbstverständlich auch der entgegensetzte – nämlich der an böse Geister und Dämonen, inklusive der Bereitschaft zum berühmt-berüchtigten Teufelspakt. Interessanterweise tritt hierbei unter dem Vorzeichen der „Me Too“-Debatte und eines erstarkenden Feminismus auch ein neu erwachtes Interesse an der Hexerei und dem Wesen der Hexen an sich zutage. So eröffnete im August diesen Jahres im Ashmolean Museum in Oxford die erfolgreiche Ausstellung „Spellbound“ über die Geschichte der Hexerei. In dieser Ausstellung werden nicht nur historische Artefakte aus der Zeit der Hexenverfolgung gezeigt, sondern wissenschaftlich fundiert der Archetyp der Hexe sowie deren Faszination auf heutige junge Frauen erläutert. Da erscheint die Hexe als der Prototyp der von der patriarchalischen Gesellschaft entrechteten Frau, deren Regelverstöße beziehungsweise ihr Auflehnen gegenüber dieser Gesellschaft drakonische Strafen nach sich ziehen. Hexen werden somit vor allem im angelsächsischen Feminismus zu Vorbildern verklärt, an denen sich Frauen auch in heutiger Zeit orientieren können angesichts der sie angeblich immer noch tagtäglich ereilenden Bestrafung durch die patriarchalische Gesellschaft. Am Rande sei bemerkt: Angeblich soll im vergangenen Jahr US-Präsident Donald Trump mit einem Hexenfluch belegt worden sein mit der Intention, dass dieser nunmehr eine berechenbare Politik vertreten solle. Ob dieser Bannspruch seine Wirkung erzielt hat, liegt hier möglicherweise im Auge des Betrachters.

Wie schon bei den esoterischen Engelsgläubigen möchte man auch den okkulten Hexen- und Dämonengläubigen zurufen: Auch Christen glauben in der Tat an die Existenz von Teufel und Dämonen. Auch Christen halten es für wahr, dass es destruktive Kräfte und Mächte gibt, die im Gegensatz zu den Werken der Engel buchstäblich nur „Teufelswerk“ im Sinn haben. Und vor allem in der katholischen Kirche ist man der Ansicht, dass Exorzismen nicht eine Sache der Vergangenheit sind. Doch was Christen letztendlich von Okkultisten, Satanisten und anderen maßgeblich unterscheidet ist, dass sie nicht daran glauben, dass diese finsteren Mächte jemals das letzte Wort haben werden (siehe auch den Artikel „Holyween statt Halloween“ auf S. 30 dieser Ausgabe). Vielmehr vertrauen sie darauf, dass der Teufel und seine Helfershelfer bereits besiegt worden sind – und diese nunmehr sich buchstäblich in Rückzugsgefechten ergehen, bei denen sie noch möglichst viele Arme Seelen mit sich in den Abgrund hinabziehen möchten.

Wie passend, dass gerade für den Oktober Papst Franziskus dazu aufgefordert hat, intensiv das – wie man fast sagen möchte – gute alte Sturmgebet zum Erzengel Michael zu beten. Es lautet: „Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe; gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels, sei unser Schutz. ‚Gott gebiete ihm‘, so bitten wir flehentlich; du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stoße den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umherschleichen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle. Amen.“ Sicher darf man so auch in den nächsten Monaten weiterbeten.

Gerade in unruhigen Zeiten erscheinen Esoterik und Okkultismus als Wege, „mit Hilfe von oben“ Ordnung in das Chaos der Menschheit zu bringen. Eine Täuschung. Statt jedoch über das Erstarken esoterischer Gedanken und Strömungen in der heutigen Gesellschaft zu lamentieren, sollte ein gläubiger Christ lieber drei Dinge tun: seinen eigenen Glauben immer besser kennenlernen, ihn immer intensiver praktizieren und ihn gegenüber kirchenfernen, fragenden und zweifelnden Menschen vorleben. Bei allen drei Punkten ist bei nicht wenigen Gläubigen nämlich noch Luft nach oben.