Liebe, die nicht ausbeutet

Pastor Musa aus Syrien versucht, Opfer und Täter miteinander zu versöhnen. Von Benedikt Winkler

Wiederaufbau ist schwierig: Eine zerstörte Kirche in Aleppo. Foto: Open Doors
Wiederaufbau ist schwierig: Eine zerstörte Kirche in Aleppo. Foto: Open Doors

Wir haben zwei Personengruppen, Opfer und Täter. Einige Länder unterstützen diese und andere unterstützen jene Gruppe. Beide Gruppen erhalten Waffen. Und dann gibt es sehr viel Blut“, sagt Pastor Musa. In den Händen hält der Syrer Gabel und Messer gegeneinander – eine bedrohliche Geste im Frühstücksraum des Hotels in Heilbronn, wo Musa für eine Woche untergebracht ist. Er ist das erste Mal in Deutschland. Niemand soll seinen richtigen Namen erfahren. Das christliche Hilfswerk „Open Doors“, das durch Partner und lokale Kirchen in Syrien die Christen im Land unterstützt, hat den evangelischen Pastor eingeladen. Er soll unter dem Motto „Risktaker“ und zwei Tage später beim Open Doors-Tag vor insgesamt 5 000 Besuchern sprechen. Über Syrien, über den Bürgerkrieg, über die jungen Menschen, die sich entschieden haben, in ihrem Land zu bleiben. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 sind Millionen Syrer aus ihrer Heimat geflohen. Pastor Musa kümmert sich in seiner Gemeinde um tausende Flüchtlinge und Hilfsbedürftige.

Wenn Pastor Musa Arabisch spricht, dann mit großer Klarheit und einer Hoffnung, die in den Bann zieht. Die christliche Hoffnungsbotschaft ist wie heilendes Wasser, das in tiefe Wunden fließt. Gottes Wirken liegt im Geben von Hoffnung, meint Musa. Seine Augen leuchten. „Die Menschen in Syrien sind gebrochen und zerstört im seelischen Sinne. Sie haben den Glauben und das Vertrauen an alles verloren.“ Manche hätten sich zu Monstern entwickelt. „Es gibt eine sehr große Menge Hass- und Rachegefühle in den Herzen derer, die sich gestritten oder Angehörige verloren haben.“

Die Kirche habe die Kraft, dabei zu helfen, Frieden und die Versöhnung zu leisten, indem sie Orte oder Zentren schafft, um zerstrittene Parteien zusammenzubringen und um den Frieden wieder herzustellen. „Besonders viele Frauen und Kinder sind Opfer von Gewalt geworden. Wenn die Kirche sich nicht um sie kümmert, dann werden sie sich abwenden und die Gewaltspirale geht weiter.“ Musa denkt kurz nach und kritzelt arabische Worte auf einen Notizblock. „Wir werden mehrere Generationen von Opfern bekommen und mehrere Generationen von Rächern“, meint er realistisch. „Die Kirche wird in der Mitte stehen und beiden Gruppen helfen.“

Seit dem Beginn des Bürgerkriegs macht er nichts anderes. In der Mitte stehen, vermitteln und die Hand ausstrecken nach Orthodoxen, Katholiken, Protestanten, Muslimen. „Gottes Wirken zeigt sich für mich darin, die Menschen zu überzeugen, dass es jemand gibt, der sie liebt, ohne sie ausbeuten zu wollen. Das ist der Weg, wo Gott zeigt, dass er präsent ist.“ Musa benutzt das arabische Wort Allah, das auch Christen benutzen, wenn sie von Gott sprechen. „Jesus hat gesagt: Veränderung kommt nicht durch Zwang oder durch Kraft. Die Liebe und der Dienst an den Anderen – darauf kommt es an.“

Der Westen schickt Hilfen, das sei eine gute und gefragte Sache. Auf der anderen Seite schickt er aber auch Waffen. „Was soll man mit den Waffen machen? Man verwendet sie, um Leute zu töten. Da wird es Kinder geben, die keine Eltern mehr haben. Da werden wir Menschen haben, denen Körperteile fehlen.“ Musa hat eine klare Botschaft: Den Waffenhandel stoppen. Europa soll weniger den Flüchtlingen helfen, sondern stattdessen die Kirchen, die sich im Nahen Osten befinden, unterstützen.

„Unsere Gemeinde ist wie ein Unternehmen geworden, sie ist Krankenhaus, psychiatrische Station, Restaurant und Schule gleichzeitig.“ Hunderte von Menschen haben keine Häuser und keine Arbeit. Die Grundversorgung ist mangelhaft. Es fehlt an Essen und Kleidung. „Wir stehen vor zwei Wegen: Entweder wir machen weiter wie bisher und dann kommen wir zu einem Tag, an dem es nichts mehr gibt, was Syrien heißt. Oder wir treffen alle zusammen eine Entscheidung, dass wir mit dem Töten aufhören, damit unsere Kinder einmal ein besseres Leben haben.“