"Letztendlich brauchen junge Leute Zeugen"

Was kann man von Polen lernen? Ein Gespräch mit Bischof Marek Solarczyk, Vorsitzender des Jugend- pastoralrats der Kirche in Polen. Von Anna Meetschen

Bischof Marek Solarczyk, Vorsitzender des Jugend- pastoralrats der Kirche in Polen

Exzellenz, die Umfrage, die von der St. Mary University in London zum Thema: „Religiosität junger Menschen im Alter von 16 bis 29 Jahren“ durchgeführt wurde, zeigt mit Nachdruck, dass die polnische Jugend bei religiösen Praktiken — wie Teilnahme an der Sonntagsmesse oder tägliches Gebet – die Jugend aus Westeuropa weit überholt. Woher kommt die Lebenskraft des Glaubens von jungen Polen?

Wenn man nach Quellen und Ursachen sucht, kann man drei Momente angeben. Eine ältere Gruppe von Befragten sind Menschen, die stark von der Familie beeinflusst sind. Es gibt keinen Zweifel, dass sie das Geschenk des Glaubens von Häusern und ihren Familien erhalten haben, das sie auf die eine oder andere Weise erfahren. Zweitens, es gibt eine große Gruppe junger Menschen, die miteinander interagieren. Und selbst wenn man Situationen sieht, in denen bestimmte Werte des Glaubens in der Gruppe der synodalen Jugend geschwächt sind, trägt der Einfluss der jungen Gläubigen aufeinander Früchte. Drittens ist der Religionsunterricht in der Schule in Polen sehr wichtig. Seitdem es den Religionsunterricht in der Schule gibt, also seit 30 Jahren, sind diese jungen Leute auf eine bestimmte Botschaft, auf ein Zeugnis gestoßen, das sie irgendwie geformt hat. Auch dies sind drei gute Ansatzpunkte für junge Menschen, ein gewisses Kapital, das weiterentwickelt werden sollte und das nicht verschwendet werden darf.

Was ist der Schwerpunkt der Jugendpastoral in Polen? Die Bildung in der Gemeinschaft, neue Medien wie Social Media oder vielleicht ein individueller Ansatz?

Weithin verstandene Seelsorge zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus. Es gibt Messdiener, Katholischer Jugendverein (KSM), Oasen, Kurse für Lektoren, aber es gibt auch andere Auswirkungen auf junge Menschen, wie Freiwilligentätigkeiten, an denen sich junge Menschen beteiligen und in einer Art und Weise die Mission der Kirche erfüllen. Dann gibt es Sportvereine, kulturelle Treffen, die von kirchlichen Einheiten geleitet werden, aber nicht nur. In all diesen Umgebungen gibt es einige Elemente der Verkündigung. Letztendlich führen all diese Aktivitäten zur Schaffung persönlicher Bindungen. Der Mensch wird von seinen Eltern unterrichtet und großgezogen, wird von ihnen zu Gott geführt, dann kann er den Glauben mit ihren Kollegen erleben, was auch zur Erfahrung einer persönlichen Begegnung mit Gott führt. Sehr wertvoll und sehr wichtig ist, dass die Form der Beteiligung von jungen Menschen eine sakramentale Form ist: die Praxis des ersten Freitags des Monats, Advents- und Fastenexerzitien, auch wenn sie in der traditionellen Form durchgeführt sind. Aber diese Praxis ist da. Und dieses persönliche sakramentale Leben beginnt mit dem Sakrament der Buße. Dieses Sakrament entwickelt weiteres spirituelles Leben. Zum Beispiel während des Triduums gibt es immer eine sehr große Präsenz von Menschen in dieser Altersgruppe. Sie kommen nicht nur zur Kirche, sondern beteiligen sich auch aktiv und empfangen die Sakramenten.

Und wie sieht die Berufungspastoral in Polen aus? Was ist das „Rezept“ für zahlreiche Berufungen zum Priester- und Ordensleben? Welche Rolle spielt die Familie hier?

Wenn wir von der Berufungspastoral sprechen, dürfen wir zwei Dinge nicht vergessen. Papst Johannes Paul II., Papst Benedikt XVI. und Franziskus haben uns daran erinnert, dass die Berufung ein Geheimnis der Stimme Gottes und Gottes Geschenk ist, so dass sie nicht ohne Gebet gelesen und verwirklicht werden kann. Und das ist die Aufgabe eines jeden Menschen: Ich bete, dass Priester und geweihte Personen nicht fehlen werden. Die zweite Frage ist die Art und Weise, in der wir einen Mensch erziehen, und somit ein allgemein verstandenes Bildungsumfeld. In der Tat beginnt die Berufungspastoral mit der Seelsorge der Familien. Einmal sagten mir die Eltern von fünf Kinder: Helft uns, unsere Kinder aufzuziehen und sie zu Gott zu bringen. Zu Beginn des Prozesses der Ausbildung stehen nur die Eltern, und dann andere Pädagogen, Begleiter, geistige Autoritäten beginnen zu erscheinen, die dem jungen Menschen helfen zu entdecken, wer er ist, wer Gott ist, und nur dann gibt es eine Chance, dass dieser junge Mensch die Stimme Gottes hören wird. Das Zeugnis derer, die ihre Berufung leben, ist ebenfalls sehr wichtig: Eheleute, Eltern und Priester, die ihre Berufung leben. Ich sage oft, dass ich unter anderem Priester werden wollte, weil ich fantastische Priester getroffen habe. Und sie haben mich entzückt. Es war ein Moment der Neugier, eine Art Entzündung eines bestimmten Gedankens. Dann gab es natürlich verschiedene Gedanken darüber, ob ich es schaffen könnte, oder vielleicht heiraten und eine Familie gründen sollte, aber dann, dank dieser Priester, entzündete sich eine Flamme in mir.

Haben junge Polen nach Ihrer Ansicht Autoritäten, Menschen, denen sie zuhören und denen sie folgen?

Ich habe einen lebhaften Kontakt mit jungen Leuten, weil ich seit 25 Jahren die Religion im Warschauer Lyzeum lehre und mich auch mit meinen Absolventen treffe, und ich habe beobachtet, dass sich ein junger Mensch entwickeln muss. Daher ist es notwendig, dass es jemanden gibt, der ihm seinen inneren Reichtum und seine Wünsche entdecken helfen würde, und dann wird er ihn im Leben unterstützen und ihn dazu bringen, die gleiche Rolle in Bezug auf andere anzunehmen. Letztendlich brauchen junge Leute Zeugen. Deshalb brauchen wir weise, engagierte Begleiter, die den jungen Menschen Zeugnis ablegen. Ratschläge, Hinweise, Verbote genügen nicht. Es muss jemand sein, den der junge Mensch als sein Vorbild annehmen kann: sei es ein Priester oder ein Geweihter, ein Lehrer. Diese Begleiter werden den jungen Menschen dazu bringen, die Verantwortung für sich selbst und für andere zu übernehmen. Nur dann, wenn ein junger Mensch beginnt, die Verantwortung für jemanden zu übernehmen, reift er schnell heran.

In der vorsynodalen Umfrage, die von Jugendlichen aus der ganzen Welt verschickt wurde, nahmen 5800 junge Polen teil. Wie haben sie auf die Frage „Was in Deinem Leben hat die Teilnahme an der Kirche bewirkt und wie beeinflusst die Kirche Dein Leben?“ geantwortet?

Unter den vielen Informationen, welche die vorsynodale Online-Umfrage brachte, sind die Antworten zu betonen, in denen junge Menschen an den Orten der persönlichen Erfahrung der Kirche hingewiesen haben. Die Antworten können als „Pastoral der Begegnung“ bezeichnet werden. Es geht darum, alle Möglichkeiten zu schaffen und zu fördern, um die Beziehungen mit den Jungen in der Kirche aufzubauen. Junge Menschen wollen die Kirche sehen, in der esauch einen Platz für sie gibt, weil sie oft die Kirche nicht fühlen. Unter den Orten der pastoralen Begegnung haben sie diejenige gezeigt, wo sie sich in verschiedenen Werken der Kirche (zum Beispiel Weltjugendtag, Lednica, Taizé) engagieren. Sehr wichtig sind Begegnungen in verschiedenen Gemeinschaften, die die jungen Menschen dauerhaft versammeln und bilden (liturgische, charismatische, aber auch sakramentale, zum Beispiel Vorbereitung auf das Sakrament der Firmung). Aber die wichtigsten pastoralen Begegnungen sind im individuellen spirituellen Leben gelebt und sind mit dem Gebet, dem sakramentalen Leben und der spirituellen Führung verbunden. Die Begegnungen, die die virtuelle Welt ermöglicht, wurden auch markiert. Die Begründung, die von jungen Menschen gegeben wird, hebt den fundamentalen Wert des authentischen Zeugnisses des Glaubens der Geistlichen, die Notwendigkeit für attraktive Formen des Lebens und tiefe Bildung vonseiten der Gemeinschaften hervor, sowie die verschiedenen Initiativen der Kirche, in denen junge Menschen ihren Platz finden.

Was könnten die polnischen Priester über die Erziehung junger Menschen zu christlichen Werten den Seelsorger der Jugend aus Westeuropa raten? Wie sollen die Akzente gesetzt werden?

Die Jugendpastoral beginnt mit Bedingungen, die wir die „Pastorale der weiteren Unterstützung“ nennen können, welche uns an den fundamentalen Wert einer ergebenen Pfarrseelsorge erinnert, die sich um das Leben des Glaubens in den Familien kümmert. Der nächste Schritt ist die „Pastoral der näheren Auswirkung“, durch die der junge Mensch die Möglichkeit hat, den Reichtum der Kirche kennenzulernen und die geistigen Werte im Bildungsprozess zu entdecken, indem er eine Vielzahl von Interessen entwickelt, aber vor allem durch die Vorbereitung auf die nächsten Sakramente. In dieser Etappe denken wir über den Religionsunterricht in der Schule und die akademische Pastoral, vielfältige Beteiligung an Kultur-, Sport-, Pfadfinder- und Freiwilligengruppen nach. Obwohl die Hauptmotivation nicht mit der Pflege des religiösen Lebens verbunden ist, gibt die Begeisterung der Einbeziehung junger Menschen die Möglichkeit, wichtige Geheimnisse des Glaubens und ihren Platz in der Kirche zu entdecken. Die wichtigste Phase der Seelsorge ist die Zeit der direkten Begleitung der Jugendlichen, die bereitwillig sind, die Geheimnisse Gottes zu entdecken und sie in der Gemeinschaft der Kirche zu erleben. Wesentlich für diesen Prozess sind eine Vielzahl von Gemeinschaften sowie Bildungs- und Apostolatsgruppen, aber auch die Initiativen, die regelmäßig junge Leute zusammenbringen. In diesen kirchlichen, nationalen, diözesanen, religiösen und anderen Werken erfahren die Jugendlichen die Freude an der Gemeinschaft der Jugendzeit und des Glaubens, sie erneuern nachdrücklich den Wunsch für das geistige Leben und sie reifen dazu, ihre Berufung zu entdecken und anzunehmen. Jeder dieser Schritte erfordert das volle Engagement aller, die in der Gemeinschaft der Kirche den Reichtum der Gnade Gottes schützen und für die Geheimnisse des Glaubens verantwortlich sind, vor allem gegenüber denjenigen, die ihr Leben und Glauben noch nicht auf reife Weise erleben können.