Leitartikel: Zwischen den Extremen

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT

Wir riefen Gastarbeiter, es kamen Menschen, meinte der Schriftsteller Max Frisch angesichts der Zuwanderung ab den sechziger Jahren und den damit verbundenen Erfahrungen. Wir riefen Flüchtlinge, es kamen Menschen: So könnte man den Satz heute anwenden. Vielfach wurden die seit dem vergangenen Jahr nach Europa strömenden Migranten hingegen zum guten Menschen schlechthin stilisiert. Für erwartbare Probleme im Bereich Sicherheit und kultureller Integrierbarkeit war man häufig blind. Der psychologische Gewinn dieser Operation war klar: Sie sollte den an sich leidenden Deutschen helfen, die Vergangenheit zu bewältigen, die nicht vergehen will. Der gewiss nicht als rechtslastig verdächtige Historiker Winkler hat das Nötige dazu gesagt, als er die Deutschen davor warnte, der moralistischen Versuchung zu erliegen und sich über den Rest Europas als Großmacht im Guten zu erheben.

Auf der anderen Seite stehen die, die in jedem Syrer, Afghanen und Iraker einen Terroristen sehen und sei es nur einen potenziellen. Das ist selbstverständlich nicht nur Unsinn, sondern auch ein Unrecht an diesen Menschen. Dass es jetzt Syrer waren, die einen der Terrorplanung verdächtigen Landsmann in Leipzig festsetzten, zeigt dies. Doch wie nicht anders zu erwarten, bleiben die Reaktionen auf die vereitelte Gewalttat Pariser Ausmaße deutschen Mustern verhaftet. Die einen halten vor allem die Ehre der Flüchtlinge für gerettet und scheinen zu vergessen, dass auch der mutmaßliche IS-Terrorist einer war. Die Anderen vermuten hinter der Festsetzung durch Landsleute ein von Staat und Medien inszeniertes Schmachtstück. Ein Blick in die sozialen Medien genügt, um zu sehen, wie weit verbreitet diese Einschätzung ist. Angemessen hingegen wäre es zu sagen, dass es auch unter Flüchtlingen schlechte, ja böse Menschen gibt, die Mehrheit aber wohl dankbar für das Gastrecht ist, das sie in Deutschland genießt. Sie sehen schon in von Flüchtlingen begangenen nicht-terroristischen Straftaten das, was sie sind: einen eklatanten Missbrauch des Gastrechts.

Katholiken können und müssen sich derweil vor den beiden Extremen der deutschen Flüchtlingsdebatte hüten. Das christliche unverhandelbare Ideal, dem Nächsten in Not zu helfen, hat nichts mit linken Ideologien zu tun, die Deutschland und jedes andere europäische Land durch Massenzuwanderung auflösen wollen. Sie müssen sich aber auch von der Hartherzigkeit derjenigen unterscheiden, denen das Schicksal ihrer Mitmenschen in Not aus rassistischen oder ökonomischen Gründen gleichgültig ist. Diese Mitte zu halten ist entscheidend, will man den im Beispiel Christi grundgelegten Idealen treu bleiben, ohne den Realitätssinn zu verlieren. Denn eine moralische Verpflichtung besteht natürlich nicht nur gegenüber den Menschen in Not, sondern auch gegenüber der sie aufnehmenden Gesellschaft.

Und eines lässt sich seit dieser Woche schließlich nicht mehr leugnen: der Zusammenhang von unkontrollierter Asylzuwanderung und Sicherheitsverlust. Der Beweis ist in Köln, Würzburg und Ansbach erbracht und jetzt einmal mehr bestätigt worden. Diejenigen, die im vergangenen Jahr diesen Zusammenhang trotz Warnungen der Sicherheitsbehörden bestritten haben, wurden auf schmerzliche Weise eines Besseren belehrt.

Oliver Maksan. Foto: DT