Leitartikel: Wo sich Himmel und Hölle treffen

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT

Auf dem Jerusalemer Tempelberg berühren sich Himmel und Hölle. Die Spannungen, die sich dieser Tage auf und um das Plateau in der Jerusalemer Altstadt entladen, stammen aus den Tiefen nationalen und religiösen Gefühls. Der Tempelberg ist das drittwichtigste Heiligtum des Islam und nationales Symbol der Palästinenser in einem. Für die Juden ist es die heiligste Stätte auf Erden, zugleich aber auch namensgebender Ort der Bewegung, die sie nach vielen Jahrhunderten des Exils wieder in die alte Heimat geführt hat: des Zionismus. Der Ort ist so aufs Innigste mit der Identität beider Völker verbunden. Wo Religion anfängt und Politik aufhört, ist hier nicht mehr zu klären.

Der Status quo regelt, dass die religiösen Angelegenheiten auf dem Berg von einer islamischen Verwaltung gehandhabt werden, Israel aber die Souveränität innehat. Diese ist, weil es sich um das besetzte Ost-Jerusalem handelt, international nicht anerkannt, besteht aber de facto. Natürlich kann Israel keine Angriffe auf seine Sicherheitskräfte dulden, wie es kürzlich der Fall war. Es muss Premier Netanjahu aber auch klar sein, dass es sich beim Tempelberg nicht um einen Flughafen handelt, sondern um das wahrscheinlich explosivste Stück Land auf Erden. Folgerichtig wurden die Metalldetektoren wieder abgebaut und der Status quo ante wiederhergestellt. Netanjahu hat hier trotz Kritik aus dem eigeen Lager besonnen gehandelt.

Der muslimischen Seite genügt das nicht. Der gestrige Tag des Zorns belegt es. Solange die Palästinenser nicht die Souveränität auf dem Areal ausüben, wird sich daran auch nichts ändern. Der Tempelberg hat das Potenzial, eine Eruption von regionaler Dimension auszulösen. Jede Veränderung des Status quo ist deshalb fahrlässig, schlimmstenfalls bewusste Brandstiftung. Und Brandstifter gibt es auf beiden Seite. Radikale islamische Elemente in der Hamas und anderen Gruppen wollen nichts sehnlicher als den offenen Konflikt um das Heiligtum. Die Mobilisierungskraft weit über Israel und Palästina hinaus wäre ihnen Gewinn. Sie wollen den nationalen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, der immer religiöse Elemente hatte, in einen Religionskrieg münden lassen. Auf israelischer Seite gibt es im national-religiösen Lager verstärkt Kräfte, die von der Wiedererrichtung des Tempels anstelle des Felsendoms träumen, wenigstens aber erreichen wollen, dass der Berg wieder Ziel jüdischer Wallfahrt wird. Sie sind anders als noch vor Jahren keine messianischen Randgruppen mehr, sondern haben es längst in die Regierungsparteien geschafft. Ihre Agitation zusammen mit den Erfahrungen in Hebron, wo im Heiligtum der Patriarchengräber nach der Eroberung der Stadt 1967 eine Synagoge eingerichtet wurde, zeigt, dass es nicht allein auf der arabischen Straße beliebte Verschwörungstheorien sind, die die Menschen aufbringen.

Die aktuellen Spannungen lassen sich nur durch eine glaubwürdige Wiederherstellung und Beibehaltung des Status quo entschärfen. Politische Vernunft und Weisheit gebieten das gleichermaßen. An der Wurzel aber lässt sich der Konflikt nur durch eine umfassende einvernehmliche Friedenslösung auflösen. Die ist aber – das sei zugegeben –, wohl nirgends so schwer zu erreichen wie im Streit um den Jerusalemer Tempelberg.

Oliver Maksan. Foto: DT