Leitartikel: Wir sind nicht Charlie

Von Stefan Rehder

Stefan Rehder. Foto: DT
Stefan Rehder. Foto: DT

Nichts vermag das Massaker, das nach bisherigen Erkenntnissen zwei Tatverdächtige an der Redaktion des französischen Magazins „Charlie Hebdo“ verübten, zu rechtfertigen. Auch nicht die Verteidigung von Glaubensgütern. Wer Menschen abschlachtet, weil sie das, was anderen heilig ist, zur Zielscheibe öffentlichen Gespötts machen, offenbart nicht etwa Liebe zu Gott, sondern maßlosen Hass auf dessen Geschöpfe. Er kann sich auch nicht auf „heiligen Zorn“ berufen, einer Motivation, die mittelalterlichen Theologen wie Thomas von Aquin (1225–1275) noch völlig geläufig war und der vielleicht selbst Jesus antrieb, als er die Händler und ihr Vieh aus dem Tempel trieb. Denn anders als Hass ist der „heilige Zorn“ nicht blind. Daher versteht, wer tatsächlich von ihm angetrieben wird, selbst dann die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren. Derselbe Jesus, der im Tempel die Tische der Geldwechsler umwarf, gebot dem Petrus, das Schwert in die Scheide zu stecken, statt den Häschern den Kopf abzuschlagen.

Die Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel ist nicht nur eine fortwährende Aufgabe. Sondern auch eine, von der niemand dispensiert werden kann. Man kann es sympathisch finden, wenn ein Volk, das durch den kaltblütigen Anschlag traumatisiert wurde, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden, sich nun mit den Opfern und ihren Familien solidarisiert und trotzig „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) oder auch „Nous sommes tous Charlie“ („Wir sind alle Charlie“) skandiert. Aber es ist auch eine kindische Sympathie. Hilfreich ist sie nicht. Und stimmig auch nicht. Wir sind nicht alle „Charlie“. Denn eine offene und freiheitliche Gesellschaft wird nicht dadurch offen und freiheitlich, dass sie das, was anderen heilig ist, lächerlich und verächtlich macht. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Eine Gesellschaft kann genau in dem Maße als offene und freiheitliche betrachtet werden, in dem ihre Mitglieder einander mit Respekt begegnen.

Die Freiheit der Presse ist zweifellos ein hohes Gut. Eines, das für jede freiheitliche Gesellschaft geradezu konstitutiv und daher unersetzlich ist. Doch zu glauben, die Pressefreiheit müsse mit Mohammed-Karikaturen und blasphemischen Darstellungen der Heiligsten Dreifaltigkeit verteidigt werden, ist in etwa so offen und freiheitlich, wie zu meinen, das Recht auf freie Meinungsäußerung müsse dem Gegenüber mit feuchter Aussprache zu Gehör und Gesicht gebracht werden. Dass kein Missverständnis entsteht: Die Schlächter, die in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ die Luft mit Blei schwängerten und den Boden mit dem Blut ihrer Opfer tränkten, verdienen nicht unser Mitleid. Wir sind es, die verdienen, dass wir die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahren. Andernfalls wird die offene und freiheitliche Gesellschaft zur bloßen Fiktion. Muslime jetzt unter Generalverdacht zu stellen, ist ebenso unsinnig, wie vorschnell Forderungen nach schärferer Überwachung zu erheben. Wie in Boston so waren auch die Tatverdächtigen von Paris längst polizeibekannt. Viktor Frankl (1905–1997), der Begründer der Logotherapie, der das KZ überlebte, sagte einmal: Er kenne nur „zwei Rassen von Menschen: Die Anständigen und die Unanständigen.“ Wenn sich die offene und freiheitliche Gesellschaft hierauf verständigen könnte, wäre zwar nicht schon Alles, wohl aber Wichtiges gewonnen.