Leitartikel: Vergesellschaftung des Körpers droht

Die Ärzteschaft fordert die Einführung der Widerspruchsregelung bei der Organspende. Dem muss sich die Politik widersetzen. Von Stefan Rehder

Stefan Rheder - Autor "Der Tagespost"

Die seit Monaten andauernde Debatte um den Erhalt oder Wegfall des Werbeverbots für Abtreibungen (§ 219a Strafgesetzbuch) ist noch in vollem Gange, da wirft die nächste bioethische Kontroverse ihre Schatten bereits voraus. Nachdem mehrere medizinische Fachgesellschaften die Einführung der sogenannten Widerspruchsregelung bei der Organspende gefordert haben, hat sich auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, im Vorfeld des 121. Deutschen Ärztetages (8.-11. Mai in Erfurt), entsprechend positioniert. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Montgomery: „Ich persönlich halte die Widerspruchsregelung für richtig. Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall.“

Bei der sogenannten Widerspruchsregelung wird jeder Bürger einmal angeschrieben und gefragt, ob er bereit ist, nach einem diagnostizierten Hirntod seine Organe zu spenden. Wer nicht antwortet, gilt automatisch als Organspender. Derzeit gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Die löste im November 2012 die bis dahin geltende erweiterte Zustimmungsregelung ab, nach welcher nur der als Organspender galt, der sich dazu ausdrücklich bereit erklärte. Lag keine Erklärung vor, wurden die Angehörigen um eine Entscheidung gebeten. Letzteres kann man – aus guten Gründen – für eine Zumutung halten. Denn in der Regel handelt es sich bei den sogenannten Hirntoten um Patienten, die eine derart schwere Schädigung des Hirns erlitten haben, dass sie – vorausgesetzt der Hirntod wurde korrekt diagnostiziert – dem Tode geweiht sind. Noch genauer, um Menschen, die – dank der Fortschritte der Notfallmedizin und insbesondere der künstlichen Beatmung – ihren natürlichen Tod überlebt haben. Anders formuliert: Wer korrekt als hirntot diagnostiziert wurde, hat den „point of no return“ bereits überschritten. Eine Rückkehr in ein bewusstes Leben ist im Stadium eines korrekt diagnostizierten Hirntodes nicht möglich.

Viele setzen daher den Hirntod auch mit dem Tod des Menschen gleich. Das ist zwar insofern zweckmäßig, als sich nämlich die Organe einer echten Leiche, die sämtliche sicheren Todeszeichen aufweist, nicht mehr zur Transplantation eignen, wirft dafür aber eine ganze Reihe ethischer Probleme auf. Und dass nicht nur, weil sich die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen nach Ansicht namhafter Fachleute wissenschaftlich nicht hinreichend belegen lässt, sondern auch, weil umstritten ist, ob sich der Hirntod überhaupt mit derselben Zuverlässigkeit korrekt diagnostizieren lässt, wie dies bei anderen Stufen des Komas der Fall ist, von denen der Hirntod nur die letzte ist.

Die Kritiker der Hirntod-Theorie gehen davon aus, dass es sich bei Hirntoten um Sterbende handelt, die zwar dem Tode geweiht sind, letztlich aber auf dem Operationstisch dadurch sterben, dass ihnen Transplantationsmediziner die lebenswichtigen Organe entnehmen. Ethisch problematisch ist dabei nicht, dass sich jemand – in voller Kenntnis dieser Lage – bereit erklärt, statt im Bett, unter künstlicher Beatmung auf dem OP-Tisch zu sterben, um anderen Patienten ein Weiterleben mit seinen Organen zu ermöglichen. Ethisch problematisch ist vielmehr das Handeln des Arztes in diesem Kontext. Darf ein Arzt einem Patienten, für den er nichts mehr tun kann, lebenswichtige Organe entnehmen, wenn er weiß, dass er dadurch zu Tode kommt? Kann er sich darauf zurückziehen, dass er seinem Patienten „nur“ Organe entnimmt und der Patient ohnehin bereits verstorben wäre, wenn er nicht künstlich am Leben erhalten würde?

Diese und viele weitere Fragen sind nicht neu. Nur weigert sich die Ärzteschaft – von Einzelnen abgesehen – ihnen nachzugehen und um ihre ergebnisoffene Beantwortung zu ringen. So entsteht kein Vertrauen. Und weil das fehlt, ist die Zahl der Organspender in Deutschland so niedrig wie in kaum einem anderen Land in Europa.

Dass die Ärzteschaft zur Behebung dieses Mangels nun die Widerspruchsregelung eingeführt sehen will, läuft auf die Vergesellschaftung der Organe Sterbender hinaus. Eine Politik, die die Würde des Einzelnen für unantastbar hält, muss sich dem verweigern.