Leitartikel: Turboabitur am Ende

Alexander Riebel. Foto: DT
Alexander Riebel. Foto: DT

Die Eltern waren nie wirklich dafür. Das achtjährige Gymnasium war überstürzt eingeführt worden, man wollte sich an ausländischen Vorbildern orientieren. Und die Schüler mussten es ausbaden – mit mehr Stress und Unterricht am Nachmittag. Nachdem in Bayern das achtjährige Gymnasium schon vor Monaten in die Diskussion geriet, hat nun am vergangenen Donnerstag Niedersachsen überraschend erklärt, dass es vom Schuljahr 2015/16 wieder zum G9 zurückkehren will. Auch schon Baden-Württemberg bietet neben dem G8 das neunjährige Abitur an. Dass jetzt ebenfalls Nordrhein-Westfalen erwägt, beide Systeme parallel laufen zu lassen, zeigt die große Unzufriedenheit mit dem G8. Dreiviertel der Eltern sind gegen die verkürzte Schulzeit, wie eine Forsa-Umfrage ergeben hat.

Mit dem achtjährigen Gymnasium wollten die Ministerpräsidenten die Schüler international mehr wettbewerbsfähig machen. Aber hat sich auch Wesentliches verbessert außer der Komprimierung des Lernstoffs? Wohl kaum. Stattdessen, und das war wohl das eigentliche Ziel, werden die Abiturienten nun schneller dem Arbeitsmarkt zugeführt. Die Schüler selbst verlieren dabei viel: Zeit für Hobbys, für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, für ehrenamtliche Tätigkeiten. Stattdessen, das ist jetzt in Bayern bekannt geworden, ziehen die Eltern die Notbremse. Sie schulen ihre Kinder ein Jahr später ein, um ihnen mehr Zeit zur eigenen Entwicklung zu geben und damit mehr Kraft, dem späteren Konkurrenzdruck zu widerstehen. Auch der Bayerische Philologenverband macht sich für das neunjährige Gymnasium stark und will morgen in München zentrale Eckpunkte vorstellen. Auch ihm ist die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler besonders wichtig – außerschulische Erfahrungen sind nicht zu unterschätzen –, wie auch die Vertiefung des Wissens. Bildung braucht Zeit. Auch noch eine entscheidende Stimme rät zum G9, wenn es bald die Auswahl zwischen beiden Schularten gibt: Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Kraus, der nie ein Anhänger des achtjährigen Gymnasiums war, gibt zu bedenken, dass bei diesem Schultyp zu viel Stoff abgespeckt wurde, um die Schüler noch durch das Abitur zu bringen. Gerade die Abiturfächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen hätten hunderte Stunden gegenüber dem G9 verloren. Bei einer Reform sei allerdings das Raumproblem zu bedenken. Die jetzt schon engen Schulen müssten beim gleichzeitigen Angebot von G8 und G9 noch wesentlich mehr Klassenräume anbieten können.

Hatte kürzlich noch die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ausgeschlossen, hat Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) einen runden Tisch zur Schulpolitik angekündigt. Kein Wunder, dass über so viel wachsende Einsicht in den Bundesländern auch Anja Nostadt, Sprecherin von bundesweit tätigen Initiativen für das G9, von einem „Sieg der schulpolitischen Vernunft und einer guten Nachricht für Schüler, Lehrer und Eltern des Gymnasiums in allen Ländern der Bundesrepublik“ spricht. Für das Turboabitur gibt es bundesweit kaum noch Fürsprecher. Zeit, zum klassischen Gymnasium zurückzukehren und es dann endlich mit Reformen zu verschonen.