Leitartikel: Sprachlos vor Entsetzen

Von Markus Reder

Markus Reder. Foto: DT
Markus Reder. Foto: DT

Wohl niemand hätte sich vorstellen können, dass sich Trauer, Schmerz und Fassungslosigkeit nach dem Absturz der Germanwings-Maschine über Südfrankreich noch irgendwie hätten steigern lassen. Doch dann ist genau das geschehen. Am Donnerstag sickerten erste Meldungen in den Medien durch, dann bestätigte der Bericht der Französischen Staatsanwaltschaft, was sich bis dahin keiner hatte vorstellen können: Nach derzeitigem Ermittlungsstand ist davon auszugehen, dass der Kopilot des Airbus den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt, das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht und gezielt 149 Menschen mit sich in den Tod gerissen hat. Eine solch unvorstellbare Wahnsinnstat macht sprachlos. Und dennoch muss darüber geredet werden.

Da ist das ganz normale Bedürfnis, sich auszutauschen, in der Familie, mit Freunden, mit dem Nachbarn, um diese Nachricht zu fassen und das Unbegreifliche doch irgendwie in den Kopf zu bekommen. Da sind die Verantwortlichen – etwa von Lufthansa und Germanwings – die sichtlich ergriffen vor der Presse Stellung nehmen müssen, und keinen Hehl daraus machen, dass da etwas geschehen ist, was den Rahmen ihrer Vorstellungskraft sprengt. Auch sie müssen reden inmitten all der Sprachlosigkeit. Und da sind die Medien, die nicht schweigen können, weil sie berichten müssen, um das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit zu stillen.

Nur gibt leider der mediale Umgang auch mit dieser Katastrophe Anlass zur Kritik. Wenn Hinterbliebene von Journalisten belästigt und bedrängt werden, wenn Angehörige der Opfer über mediale Aufdringlichkeit und gefühlloses Verhalten klagen und sich am Ende unter großen Katastrophenbildern bei „Bild“ die Nackte rekelt, kann man sich nur angewidert abwenden.

Nicht zuletzt mit Blick auf derlei Entgleisungen wäre es gut, der Sprachlosigkeit mehr Raum zu geben, statt in einen Debatten-Aktionismus zu verfallen, der am Ende glauben macht, Katastrophen wie diese ließen sich ausschließen. Es brauche nur mehr psychotherapeutisches Controlling und eine Zwei-Mann-Regel im Cockpit, wie sie US-Airlines haben. Selbstverständlich muss über mögliche Versäumnisse und Konsequenzen geredet werden. Aber dieser entsetzliche Suizid und Massenmord lehrt auch, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Die beste Ausbildung der Welt, die höchsten Sicherheitsstandards werden bedeutungslos, wenn sich derartige Abgründe der menschlichen Seele auftun.

Die Diagnose dessen, was diesen jungen Piloten getrieben hat, muss man Fachleuten überlassen. Sofern sich das im Nachhinein überhaupt jemals völlig rekonstruieren lässt. Hobbypsychologie und Mutmaßungswettbewerbe über die Motive des Piloten helfen überhaupt nicht weiter. Sie schaden dafür umso mehr. Wie soll es jemals einen vernünftigen Umgang mit der „Volkskrankheit Depression“ geben, wenn jeder, der den Mut hat, öffentlich über seine Krankheit zu reden, künftig insgeheim als gemeingefährlich gilt?

Ja, diese Katastrophe macht sprachlos. Es wäre hilfreich, das tatsächlich ernst zu nehmen. Dann würden auch die Worte und Gesten der Menschlichkeit an Bedeutung gewinnen, die wir derzeit erleben. Angefangen bei den Rettungskräften in den Flugzeugtrümmern, den Bewohnern von Seyne-les-Alpes bis hin zu den Seelsorgern in den Schulen. Wo seelische Abgründe derart Böses freisetzen, kann man für den Trost der Menschlichkeit gar nicht dankbar genug sein.