Leitartikel: Massensterben im Mittelmeer

Von Markus Reder

Markus Reder. Foto: DT
Markus Reder. Foto: DT

Das Mittelmeer wird zum Massengrab. Und alle schauen zu. Es war eine Katastrophe mit Ansage, die sich am Sonntag ereignet hat. Mit besserem Wetter würden die Fluchtversuche Richtung Europa weiter zunehmen. Damit war zu rechnen. Ebenso damit, dass diese Fluchten immer neue Todesopfer fordern würden. Das Ausmaß dieser jüngsten Katastrophe markiert einen neuen, entsetzlichen Tiefpunkt.

Die Frage in den Tagen danach ist die gleiche wie nach der letzten und vorletzten Katastrophe. All diese Schiffsunglücke unterscheiden sich ja lediglich durch die Höhe der Opferzahlen. Dass man diese immer gleiche Frage nun wieder stellen muss, ist der eigentliche Skandal: Was muss noch geschehen, damit Europa reagiert und endlich etwas passiert?

Wenn es gelänge, das perverse Geschäft der Schlepper einzudämmen, die sich eine vage Hoffnung auf Zukunft teuer bezahlen lassen, um Menschen dann wie Tiere in Schiffe zu pferchen und sie auf dem Meer ihrem Schicksal zu überlassen, ließe sich zumindest die Zahl der Todesfluchten verringern. An Not, Leid und Verzweiflung, die Menschen aus ihren Herkunftsländern fliehen lässt, wäre damit noch nichts geändert. Niemand setzt sein Leben und das seiner Kinder leichtfertig aufs Spiel, solange er noch einen Hauch Hoffnung auf ein erträgliches Leben in seiner Heimat hat. Je geringer diese Hoffnung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Menschen das Risiko einer Flucht über das Mittelmeer eingehen.

Das Massensterben im Mittelmeer zeigt deutlich: Die EU-Mission „Triton“ vor Italiens Küste ist kläglich gescheitert. Es braucht eine gesamteuropäische Neuauflage von „Mare nostrum“. Und zwar nicht mit Abschreckungsauftrag, sondern als Hilfsmission mit erweitertem Aktionsradius. Eine solche Rettungsflotte schnell auf den Weg zu bringen, muss ein erstes Minimalziel sein. Das Schlepperwesen wirksam bekämpfen, Rettungspatrouillen auf See: Beide Maßnahmen würden das eigentliche Probleme nicht lösen, aber doch wenigstens das Sterben begrenzen. Das Grundproblem freilich bleibt. Solange Europa zu keiner gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik fähig ist, die stabilisierend auf die Lage in den Kriegs- und Krisengebieten Einfluss nimmt, aus denen die Flüchtlinge an das rettende Ufer Europas drängen, bleiben alle Maßnahmen Stückwerk. Dass es Europa darüber hinaus an einer gemeinsamen Asylpolitik fehlt, wird immer wieder beklagt, ist aber bislang ohne Konsequenz geblieben. Die Interessenslagen in den Ländern Europas sind höchst unterschiedlich. Daher sind diese Fragen komplex. Das darf aber kein Grund sein, sie weiter unbeantwortet zu lassen. Für Europa steht die eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Für welche Werte steht der Kontinent? Gibt es neben dem Brüssel der Bürokraten auch ein Europa der Humanität? Milliarden für die Bankenrettung, um unseren Wohlstand zu sichern, und die Flüchtlinge draußen auf dem Meer vor den Toren Europas lassen wir jämmerlich ertrinken? Wer bist Du, Europa? Wofür stehst Du? Für eine Kultur des Lebens oder für eine Wirtschaft, die tötet? Die Antwort darauf gibt maßgeblich, aber nicht ausschließlich ein nächster EU-Gipfel. Das kulturelle Klima entscheidet sich in den Köpfen und Herzen aller – nicht nur in der politischen Klasse.