Leitartikel: Kirche: Nützliche Zerrbilder

Von Markus Reder

Leitartikel: Die Unruhe wächst

Dort der greise Papst, unfähig und zu erschöpft, die Kurie zu regieren. Hier die munteren, modernen Kräfte, die beginnen, ihre Reformagenda abzuarbeiten. So sieht es aus, das Bild von Kirche, an dem in diesem Sommer von vielen Seiten eifrig gemalt wird. Mal mit dickem Pinselstrich, mal elegant mit leichter Hand. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Vatileaks ist, so schmerzhaft die Vorgänge auch sind, eben kein Beleg für die Schwäche des deutschen Pontifex. Schon vor seiner Wahl zum Papst gehörte Ratzinger zu jenen Kirchenmännern, die einen Sumpf stets Sumpf genannt und Missstände in den eigenen Reihen konsequent und beharrlich verfolgt haben. Die Nulltoleranz-Haltung bei sexuellem Missbrauch wurde von Ratzinger energisch eingefordert, als andere noch glaubten, mit Vertuschung Institution und Täter schützen zu müssen. Es war Benedikt XVI., der die innere Reinigung und Erneuerung der Kirche zum Programm erhoben hat. Es war und ist dieser Papst, der den Missständen in der Vatikanbank den Kampf angesagt hat. Dass das alles in den eigenen Reihen nicht nur beliebt macht, liegt auf der Hand.

Vatileaks gäbe es nicht, wäre der Papst tatsächlich der handlungsschwache Entrückte, als den ihn interessierte Kreise zu verkaufen suchen. Ein solcher Papst würde sich mit 85 Jahren auch nicht den Strapazen einer Libanon-Reise aussetzen. Ihm vorzuwerfen, der Vatikan würde weltpolitisch nichts bewegen, wie Marco Politi dies jetzt in „Christ & Welt“ getan hat, ist nicht nur ignorant, sondern lächerlich. War für die Rolle des Weltenretters nicht bis vor kurzem Obama gebucht? Ist jetzt auch noch der Papst schuld, wenn Ägypten von Islamisten regiert wird?

Doch ganz gleich wie absurd all die Zerrbilder und Karikaturen auch sind, sie sind nützlich. Deshalb sind sie in Umlauf. Im deutschen Sprachraum nützen sie jenen Gruppen, die zum Teil im offenen Bruch mit Leben und Lehre der Kirche ihrer eigenen Reform- und Protestagenda folgen. Ihr Eifer scheint blind zu machen. Wohl deshalb verwechseln sie Demut mit Schwäche. Welch ein Irrtum! Ein Irrtum ist freilich auch, deren Aktivitäten klein- oder schönzureden. Nicht die beschädigen den kirchlichen Betriebsfrieden, die Spaltungstendenzen beim Namen nennen, sondern jene, die ernste Probleme in theologischen Tüll und Sprach-Watte packen. Gutes Miteinander setzt die Bereitschaft zum Klartext voraus. Wo das nicht mehr möglich ist, muss die Lage ernst sein.

Es wäre höchste Zeit, das Jahr des Glaubens intensiv vorzubereiten. Doch wer spricht davon? Stattdessen fährt sich die innerkirchliche Diskussion an einzelnen Themen fest, als ließe sich damit die Krise des Glaubens lösen. Dabei wäre das Jahr des Glaubens auch eine gute Gelegenheit, grundsätzlich über die Sakramentenpastoral nachzudenken. Warum reden wir nur über die Schicksale gescheiterter Ehen? Warum nicht auch über Prophylaxe? Also darüber, wie es um kirchliche Ehevorbereitung und pastorale Begleitung von Eheleuten steht. Wenn Sakramente verschleudert werden, ohne auch nur im Ansatz eine Ahnung zu vermitteln, worum es dabei geht, was das Wertvolle daran ist und was das unterscheidend Katholische ausmacht, braucht sich niemand wundern, wenn man am Ende nur noch mit dem Rücken zur Wand steht und die Themenagenda der Kirche gewaltige Schieflage bekommt.