Leitartikel: Israels innere Gefahr

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT
Oliver Maksan. Foto: DT

Nach verheerenden Anschlägen in der jüngsten Zeit diskutiert Israel das Problem eines religiös motivierten jüdischen Terrorismus. Die Ermordung eines einjährigen Palästinenserkindes und eines jungen Mädchens, das an einer Homosexuellen-Demonstration teilnahm, haben auch die Politik aufgeweckt. Sie haben harte Maßnahmen im Kampf gegen jüdische Terroristen angekündigt. Das kann man nur begrüßen. Es ist höchste Zeit, dass sich Israel seinem Radikalismus-Problem stellt. Der Hass der Radikalen richtet sich schließlich gegen alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht – Christen eingeschlossen.

Die Ermittlungen in der Folge des Brandanschlags auf das Kloster in Tabgha haben einen Abgrund des anti-christlichen Hasses offengelegt. Gewiss, der Kreis gewaltbereiter Terroristen ist klein. Der Kreis derer aber, die keine Brandbomben auf Kirchen werfen, innerlich den Tätern aber applaudieren, ist wesentlich größer. Rabbiner, Talmud-Studenten und Politiker bilden den giftigen Sumpf, in dem fanatische Fäulnis gedeihen kann. Täter und Unterstützer sind sowohl zahlenmäßig als auch inhaltlich fraglos am Rande der jüdischen Gesellschaft Israels anzusiedeln. Aber das Problem reicht tiefer als nur bis zu einer messianischen Siedlerjugend, die von einem kultisch reinen Israel träumt und deshalb den christlichen „Götzendienst“ beseitigen will. Anerkannte religiöse Autoritäten des Judentums wie der große mittelalterliche Gelehrte Maimonides stützen diese Positionen. Auf ihn bezog sich dieser Tage in aller Öffentlichkeit der Führer einer extremistischen Gruppe. Es sei zwar nicht Aufgabe des Einzelnen, wohl aber des Staates, die Kirchen im Land Israel niederzubrennen.

Aufrufe zum Hass und aus ihnen folgende Taten muss man mit der Polizei und dem Strafrecht begegnen. Aber man muss auch bei den geistigen Grundlagen ansetzen: So wie die katholische Kirche ihre Hausaufgaben gemacht hat und dem Anti-Judaismus seit „Nostae aetate“ jede theologische Grundlage entzogen hat – ohne deshalb an der ausschließlichen Heilsmittlerschaft Jesu Christi irgendwelche Abstriche zu machen –, muss sich das orthodoxe Judentum der theologischen Reinigung seiner Quellen von anti-christlichem Gedankengut widmen. Dialogtreffen auf lokaler oder weltkirchlicher Ebene müssen das Thema auf die Tagesordnung setzen. Juden reagieren verständlicherweise sensibel auf christlichen Anti-Semitismus a la Bischof Williamson. Tabgha und eine Reihe anderer Vorfälle haben gezeigt, dass Israels Christen allen Grund haben, ebenfalls dünnhäutig zu werden.

So entsetzlich die Taten sind und so überzeugend die Abscheu ist, die sowohl Staat als auch Gesellschaft zeigen: Der eigentliche Skandal und das Umfeld, in dem Radikalismus gedeiht, sind die täglichen Übergriffe von Siedlern und das Wegsehen der Besatzungssoldaten im Westjordanland. Die Siedlergewalt gegen Palästinenser sind gerichtsfest dokumentiert. Diese Übergriffe muss Israel abstellen, sollen die jetzt ergriffenen Maßnahmen gegen Terroristen nicht als Aktionismus erscheinen. Geschieht dies nicht, ist alles Reden von Friede, Koexistenz, Rechtsstaat und Zwei-Staaten-Lösung unglaubwürdig – vom völkerrechtswidrigen Siedlungsbau auf besetztem Land muss man da noch gar nicht gesprochen haben.