Leitartikel: Im Sog der Weltwirtschaft

Von Friedrich von Westphalen

LEITARTIKEL von Friedrich von Westphalen

„Demokratie im Rausch der Daten“, so könnte man die neue Zinsentscheidung des amerikanischen „Federal Reserve Board“ (FED) überschreiben. Dass der amerikanische Leitzins weiterhin bei Null bis 0,25 Prozent liegen wird, ist nicht nur mit inneramerikanischen Daten – der nach wie vor zu niedrigen Inflationsrate und dem noch nicht als hinreichend robust eingeschätzten Arbeitsmarkt – begründet worden. Vielmehr hat die FED ihre Entscheidung auch mit Blick auf weltwirtschaftliche Daten sowie auf die Entwicklung der Finanzmärkte – schwächelnde Konjunktur in China, Strukturrisiken in den Schwellenländern, nachlassende Konjunktur der Weltwirtschaft – getroffen.

Das ist nachvollziehbar. Denn an diesen Zahlen wird vieles deutlich: In den USA liegt die Inflationsrate bei mageren 0,2 Prozent, für die Eurozone werden per August nur 0,1 Prozent berichtet, in Großbritannien liegt die Rate bei Null Prozent, für Japan schlägt ein Prozent zu Buche. Das geldpolitische Ziel der FED – wie der EZB – lautet zwei Prozent Inflation als ausreichend sicheres Indiz für das, was man Preisstabilität nennt. Dieses Ziel ist selbst mit gutem Fernrohr nicht zu sehen.

Viele Beobachter hatten erwartet und auch darauf spekuliert, die FED werde jetzt den ersten Zinsschritt nach oben vollziehen. Maßgebend für diese Erwartung waren die Daten des amerikanischen Arbeitsmarkts. Die Zahl der Arbeitslosen ist auf rund fünf Prozent gesunken. Und Prognosen besagen, dass die Situation am Arbeitsmarkt auf diesem Niveau bleiben wird. Das bedeutet, die amerikanische Wirtschaft hat wieder Fahrt aufgenommen und liegt auf Wachstumskurs. Doch es sind eben die außer-amerikanischen Entwicklungen der Weltwirtschaft, die Sorgen bereiten. In einer global vernetzten Wirtschaft können diese negativen Entwicklungen unmittelbar auf die US- Konjunktur durchschlagen.

Im Ergebnis wird man zwei Aspekte für wichtig ansehen müssen: Die offenbar noch auf weitere Sicht angelegte extreme Niedrigzinspolitik der Notenbanken hat für die Verbraucher deutlich enteignende Effekte. Sparen lohnt nicht mehr; Lebensversicherungen als Alterssicherung haben ausgedient. Deutlich zeigt sich aber auch dies: Die niedrigen Zinsen führen keineswegs zu einem Konsumrausch oder zu einer deutlich ansteigenden Kreditvergabe, damit Investitionen mit langfristiger Zielsetzung – Stichwort: Wachstumsimpulse – getätigt werden.

Das im Überfluss vorhandene Geld geht weithin unter Vermeidung der Realwirtschaft in die ein eigenständiges Unwesen treibenden Finanzmärkte. Dies ist das eine. Das andere: Die so extrem niedrigen Inflationsraten werden mehr und mehr zu einem „Geheimnis“, weil ihre Ursache eben nicht allein auf den niedrigen, weiter fallenden Ölpreis und die weltweite Konjunkturschwäche zurückgeführt werden kann. Dahinter verbirgt sich offenbar eine von der Geldpolitik der Notenbanken nicht wirksam zu bannende Deflationsgefahr. Das Steuerungsinstrument des Zinses ist weithin wirkungslos geworden. Zu glauben, ein niedriger Zins und der massenweise Erwerb von Staatsanleihen (Gelddrucken) bewirke ein Steigen der Inflation, entbehrt des Bezugs auf die weltwirtschaftliche Realität. Das gilt auch für die EZB.