Leitartikel: Gipfelstürmer vor dem Absturz?

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: dpa
Oliver Maksan. Foto: dpa

Alte Bergsteigerweisheit: Wer nicht im Gebirge umkommen will, darf nicht ins Gebirge gehen. Diese alpinistische Wahrheit bekommt jetzt drastisch Freiherr zu Guttenberg vor Augen geführt. Dem politischen Gipfelstürmer, der bisher noch jedem Abgrund ausgekommen ist, droht der Absturz. Was selbst die Kundusaffäre nicht konnte: Die in Teilen wohl abgekupferte Doktorarbeit, einst als nützlicher Teil der Ausrüstung für eine Spitzenkarriere ins Reisegepäck genommen, lässt ihn jetzt die Gesetze der politischen Schwerkraft spüren.

Stündlich wächst die Zahl der inkriminierten Stellen, wo Guttenberg sich wahlweise in Leitartikeln oder Grundsatzreden von Kollegen bedient haben soll. In selbsternannten Internet-Rechercheuren ist der Ehrgeiz entbrannt. Hinzu kommt noch der Vorwurf, Guttenberg habe seinerzeit als Abgeordneter den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages für seine Dissertation genutzt – und damit für mandatsfremde Zwecke.

Noch bilden die Parteifreunde und Kabinettskollegen einen Sicherheitskordon um ihren Star. Noch. Egal ob Innenminister Schäuble oder Wissenschaftsministerin Schavan: Alle betonen sie, dass niemand vorverurteilt werden dürfe. Das Votum der Universität Bayreuth, Guttenbergs Alma mater, die ihm zwei Wochen Zeit gibt, sich zu erklären, gelte es abzuwarten. Im Umkehrschluss aber heißt das: Wenn sich die Vorwürfe erhärten lassen, dann wird das Konsequenzen haben. In Deutschland mit seiner protestantisch geprägten Schuldkultur sind Politiker schon wegen ganz anderer Dinge zurückgetreten – Bonusmeilen, zu privaten Zwecken eingesetzte amtliche Briefbögen et cetera.

Verständlich, dass die Opposition ihre Stunde gekommen sieht, sich mit dem Pochen auf politische Moral und akademische Ehrbarkeit gleich noch eines Gegners von beträchtlichem Gewicht zu entledigen. Verständlich auch, dass auch im eigenen Lager nicht nur Bedauern herrscht. Es sind nicht wenige, die den rasante Aufstieg des Starministers mit Argwohn verfolgt haben. Schon gab es kein Amt mehr, das man dem schneidigen Freiherrn nicht zugetraut hätte. Ganz gleich, ob in München oder Berlin.

Dabei ist es ja durchaus nicht so, dass für die beiden Unionsspitzen Angela Merkel und Horst Seehofer keine anderen Nachfolger bereitstehen würden. Sozialministerin Ursula von der Leyen, von Frau Merkel bereits bei der Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten übergangen, sieht sich als natürliche Erbin Merkels und deren Kanzleramt sowieso gewachsen. Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder und andere haben Guttenberg seinen Senkrechtstart, der ihre Karriereplanung durcheinandergebracht hat, bis heute nicht verziehen. Es gibt also durchaus Leute, die Guttenberg scheitern sehen wollen.

Ist der Minister also am Ende? Der mühelose, ja kometenhafte Aufstieg ist jedenfalls vorüber. Es liegen jetzt die Mühen der Ebene vor ihm. Wenn alles gut geht. Möglich, dass er auch die meistert. Zur Schadenfreude unter den Karrieristen der Union besteht jedenfalls kein Anlass. Die sich stabilisierenden Umfragwerte wären ohne den Guttenbergfaktor und die fabelhaften Umfragewerte des Barons nämlich nicht denkbar gewesen.