Leitartikel: Einsicht und Umkehr fehlen

Von Stephan Baier

Stephan Baier. Foto: DT
Stephan Baier. Foto: DT

Das Auge sieht alles, außer sich selbst. Das gilt auch für Barack Obamas Analyse des islamistischen Terrorismus, wie er sie jetzt beim Anti-Terror-Gipfel in Washington vortrug. Der US-Präsident sagte viel Richtiges, ohne zum Kern des Problems vorzustoßen. Es ist ja unbestreitbar, „dass militärische Gewalt allein das Problem nicht lösen kann“, dass es kaum möglich ist, „vorherzusagen, wer radikalisiert wird“, dass Armut bekämpft und Bildung gefördert werden sollte. Und es ist für alle, die den Krieg gegen den Terrorismus nicht nur führen, sondern auch gewinnen wollen, äußerst ratsam, zu betonen, dass keine Religion an sich verantwortlich ist für Terrorismus. Wer muslimische Massen nicht direkt in die Arme von Terrormilizen wie IS, Al-Kaida, Boko Haram & Co treiben will, muss (wie Obama) versichern: „Wir sind nicht im Krieg mit dem Islam. Wir sind im Krieg mit Menschen, die den Islam pervertiert haben.“ Im innerislamischen Krieg um die Deutungshoheit über den „wahren Islam“ darf sich der Westen nicht naiv auf die Interpretation der Terrorideologen einlassen. Er muss vielmehr Allianzen mit jenen Kräften in der islamischen Welt suchen, die – aus Überzeugung oder aus Angst – bereit sind, der wachsenden Krake der Terrormilizen Widerstand entgegenzusetzen.

Die wichtigste Frage hat Obama jedoch nicht gestellt – wohl, um sie nicht beantworten zu müssen: Woher rührt die Wut in der islamischen Welt, die radikalen Terroristen immer mehr Menschen zuführt? Warum sympathisieren so viele in Afrika und im Orient mit Massenmördern, deren Grausamkeiten an unschuldigen Opfern jeder Menschlichkeit zuwiderlaufen? Wie kann sich so viel Hass aufstauen? Eine Antwort darauf kann nicht gelingen, ohne die Nahostpolitik der USA ins Visier zu nehmen. Die islamistischen Extremisten sind ein Magnet für die Wut der Gedemütigten. Unabhängig von Nationalität und Bildungsgrad haben breite Massen in der islamischen Welt das Gefühl, von Amerika wirtschaftlich, politisch, kulturell und – insbesondere seit 2003 – auch militärisch dominiert zu werden. Ihr Hass richtet sich nicht auf den Westen an sich, sondern auf die westliche Bevormundung der islamische Welt, ja der Umma selbst.

Man muss kein Psychologe sein, um dieses Opfer-Narrativ zu deuten: Viele Länder des Islam haben westliche Ideologien imitiert und westliche Fortschrittsmodelle übernommen, ohne den Anschluss ihrer Gesellschaften an westliche Standards zu schaffen. Viele Regime kooperieren mit Washington, um ihre Macht zu festigen. Fast immer sahen sich breite Massen als Verlierer. Sie sind nun empfänglich für aufstrebende Bewegungen, die den Westen und die Verwestlichung arabischer Systeme zum Feind erklären, die Dominanz Amerikas abzuschütteln versprechen und einen islamischen Weg aus Armut und Demütigung weisen wollen. Als „Beweis“ für die Opfer-These der Islamisten genügt in den Augen vieler das offensichtliche Leid der Muslime. Solange es keine Lösung der Palästinenserfrage gibt, solange arabische Diktaturen in Washington allein an ihrer Amerika-Treue gemessen werden, solange die USA mehr am Öl als an der sozialen Entwicklung der arabischen Welt interessiert sind, findet jede Radikalisierung muslimischer Massen ihren Nährboden. Diese Einsicht fehlt Barack Obama – und damit die Chance auf eine Umkehr in der US-Außenpolitik.