Leitartikel: Die Wiederkehr des Irrationalen

Von Stephan Baier

LEITARTIKEL: Bleibt Österreich verlässlich?

Dass wir in einem Zeitalter der Vernunft leben, kann wohl niemand behaupten, der sich auch nur oberflächlich mit Weltpolitik befasst. Nicht Pragmatismus, Rationalität und nüchterne Interessenspolitik prägen die Politik des 21. Jahrhunderts, sondern sektiererisch gefärbte Ideologien, nationalistische Großmachtträume, pseudoreligiös begründete Mythen. Dabei hätte die Zeitenwende des Jahres 1991 eine Chance für eine neue Rationalität eröffnet. Der Zusammenbruch des von Moskau dirigierten kommunistischen Imperiums weckte Hoffnungen auf ein Zeitalter der Besonnenheit und des Interessensausgleichs – wie schon 1918 und 1945. Am Ende des Ersten Weltkriegs blühte die Hoffnung auf ein vom Völkerbund behütetes Selbstbestimmungsrecht der Völker, doch wurde diese vom Nationalismus erstickt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs stand die Hoffnung auf eine von der UNO behütete neue, friedliche Weltordnung, doch wurde diese vom Kommunismus brutal ermordet.

Zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts erwies sich 1991 die Hoffnung auf ein neues Zeitalter globalen Friedens als trügerische Illusion. Der serbische Diktator Milosevic ertränkte sie in seinen großserbisch-rassistischen Eroberungskriegen. Russland fiel Ende des 20. Jahrhunderts weltpolitisch aus, Europa war noch nicht reif, Washington fehlte das Verständnis für die inneren Bewegungen der islamischen Welt wie Osteuropas, China eroberte still und leise seine ökonomische Weltmachtrolle. So wurde die kurze Ära des amerikanischen Unilateralismus weltpolitisch zum verlorenen Jahrzehnt. Heute, in der Epoche des Multilateralismus, lodert in vielen Weltgegenden gefährlich auf, was lange schwelte. Weder argumentierbare Prinzipien noch pragmatische Interessen bestimmen die Kriege und Krisen unserer Zeit. Stattdessen gewinnen irrationale Ideologien an Macht: Ginge es im Südsudan, im Kongo, in Nigeria und Mali lediglich um Macht und Bodenschätze, so wären die Konflikte berechenbar und damit möglicherweise unter internationaler Vermittlung lösbar. Ähnliches gilt für Afghanistan, Syrien, Irak und das Heilige Land, ja sogar für Russland und seine Politik gegenüber der Ukraine und dem Kaukasus. Tatsächlich jedoch spielen Prinzipien wie Interessen für alle diese Brandherde eine weit geringere Rolle als Mythen und Ideologien.

Der Westen versagte in den jugoslawischen Erbfolgekriegen der 1990er Jahre, weil er das geschichtsmythologische Großserbentum Milosevics nicht durchschaute. Aber auch Putins Agieren gegenüber Tschetschenien, Georgien und der Ukraine ist nur zu erklären aus jener Mischung von Sowjetnostalgie und orthodox gefärbtem russischen Messianismus, die Putin in verschiedenen Lagern populär macht. In der islamischen Welt wiederum wurden die „frommen“ Fundamentalisten längst an den Rand gedrängt von gewissenlosen Terrorbrigaden, die Bruchstücke aus Religion und Geschichte für ihre Ideologien verwenden, ohne sich von traditionellen islamischen Autoritäten noch korrigieren zu lassen. Das betrifft Boko Haram in Nigeria ebenso wie die Islamisten in Mali und Libyen, den „Islamischen Staat“ in Syrien und dem Irak, die Taliban in Afghanistan und Pakistan. All diesen Kräften sehen nicht nur die Weltmächte verständnis- und hilflos zu; auch die betroffenen Staaten und die sie umgebenden Regionalmächte sind längst in Panik.