Leitartikel: Die Kirche als Hoffnungsträger

Von Regina Einig

Regina Einig. Foto: DT
Regina Einig. Foto: DT

Der XXVI. Weltjugendtag verspricht, als geistliches und zugleich hochpolitisches Ereignis in die Geschichte der Papstreisen einzugehen. Auf Benedikt XVI. wartet eine Generation, die zunehmend als verloren gilt. Der Blues der jungen Spanier ist paradigmatisch für das Lebensgefühl der Gleichaltrigen in Europa und in den Vereinigten Staaten. Den Wohlstand ihrer Eltern werden sie weder halten noch selbst erarbeiten können. Die Europabegeisterung der Generation, über der sich 1989 der Eiserne Vorhang öffnete, wirkt auf Jugendliche heute eher befremdlich.

Die Ursache für die allgemeine negative Stimmung allein in der düsteren Wirtschaftslage zu verorten griffe aber zu kurz. Wirtschaftskrisen sind nichts Neues auf der iberischen Halbinsel. In den sechziger Jahren verließen zwei Millionen Spanier ihre Heimat in Richtung Frankreich und Deutschland. Die meisten waren weitaus ärmer und schlechter ausgebildet als die Jungen heute. Das Bewusstsein, das Leben im Glauben auch durch Durststrecken hindurch meistern zu können, war jedoch noch eher präsent. Der Mensch wisse heute nicht mehr, wohin es gehen solle, hat der Madrider Kardinal Rouco Varela kürzlich gesagt und damit die moderne Lebenskrise treffsicher beschrieben. Die innere Perspektivlosigkeit beutelt die Jungen oft heftiger als die äußere Not.

Strategisch klug hat sich die katholische Kirche in der Krise verhalten: Einerseits hat sie mit einem Höchsteinsatz der Caritas in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie den Leiden der Bevölkerung nicht tatenlos zuschaut. Gleichwohl haben sich die spanischen Bischöfe nicht vereinnahmen lassen. Zwar bedrängten Politiker wie der sozialistische Präsidentschaftsminister José Ramón Jáuregui vor allem den Vorsitzenden der Spanischen Bischofskonferenz monatelang vergeblich, doch endlich zur Wirtschaftskrise öffentlich Stellung zu nehmen. Dessen Zurückhaltung in wirtschafts- und finanzpolitischen Fragen hat sich jedoch als weitsichtig erwiesen. Hätte sich die Bischofskonferenz durch Hirtenworte eingemischt, wäre ihr spätestens nach den Mai-Demonstrationen von aufgebrachten Einzelhändlern und radikalen Laizisten der Vorwurf der sozialen Brandstiftung gemacht worden. In Spanien dominieren Kleinunternehmen, Firmen mit bis zu 50 Mitarbeitern stellen mehr als 90 Prozent der Betriebe. Soziale Erschütterungen treffen sie empfindlicher als Großunternehmen.

Der Glaube bietet Perspektiven, lautet die Botschaft des Weltjugendtags. Jung sein, Freude am Leben haben und auf den Papst hören sind miteinander vereinbar. An den fröhlichen Gesichtern von anderthalb Millionen Jugendlichen werden auch Kirchenferne in den nächsten Tagen nicht einfach vorbeisehen können. In Madrid präsentiert sich die Kirche augenfällig als Hoffnungsträger. Nicht einmal eine konstruiert wirkende Debatte über die Kosten des Weltjugendtags hat die spanischen Medien davon abhalten können, überwiegend positiv über das Ereignis zu berichten.

Benedikt XVI. findet vor Ort alle Voraussetzungen, um seine didaktischen Stärken auszuspielen. Mit den Jugendlichen aus der lateinischen Tradition zu schöpfen und aus der Kirchengeschichte zu lernen – darauf ist das Konzept des diesjährigen Weltjugendtags zugeschnitten, von der Auswahl der Weltjugendtagspatrone über die für die Gäste organisierten Besuche jahrhundertealter Wallfahrtsstätten bis zu den liturgischen Angeboten. Denn lebendiger Glaube und Geschichtsbewusstsein mindern auch heute das Risiko, an der Gegenwart zu verzweifeln, unter jungen wie alten Christen.