Leitartikel: Bedrohte Freiheit

Von Oliver Maksan

Oliver Maksan. Foto: DT
Oliver Maksan. Foto: DT

Um die Religionsfreiheit in der Welt steht es vielerorts nicht gut – und das nicht erst, seit die Horden des „Islamischen Staats“ in völkermörderischer Absicht den Religionsgemeinschaften des Nahen Ostens das Leben zur Hölle machen. Doch setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort, dass nicht-staatliche Akteure neben staatliche Verletzer des Rechts auf Religionsfreiheit treten. Das zeigt der jüngste Bericht des US-Außenministeriums. Die Religionsfreiheit ist also keine Selbstverständlichkeit. Doch auch in den Teilen der Welt, wo die Religionsfreiheit in den Verfassungen verbrieft und rechtsstaatlich geschützt wird, gerät sie immer wieder unter gesellschaftliche Druck.

In der westlichen Welt ist dafür ein aggressiver Säkularismus verantwortlich, der Religion zur reinen Privatsache machen und aus dem öffentlichen Gespräch als obskurant ausschließen will. Besonders die Positionen der katholischen Kirche zu Fragen der Bio- und Sexualethik werden da attackiert. Diese Haltung verkennt, dass Religionsfreiheit eben nicht nur Kultfreiheit meint, also das Recht, etwa sonntags in eine Kirche zu gehen, sondern auch und gerade das individuelle wie gemeinschaftliche öffentliche Bekenntnis. Diese säkularistische Sicht erhält durch den radikalen Islam gerade neue Argumente. Islamistischer Terror, aber auch auch die religiös motivierte Bildung von Parallelgesellschaften könnten dafür sorgen, dass in Europa die Toleranz gegenüber Religion insgesamt abnimmt. Die zahlreichen Konflikte, die sich mit der stärkeren Präsenz des Islam in Europa ergeben, könnten auch dazu führen, das Christentum letztlich in Mithaftung für die Integrationsschwierigkeiten mancher Teile des Islam zu nehmen.

Christen müssen dem energisch entgegentreten. Sie können sich dabei vorbehaltlos für eine umfassend verstandene Religionsfreiheit einsetzen, weil sie damit zwei Dinge fördern, die in der Mitte ihres Glaubens stehen: Wahrheit und die Würde der menschlichen Person. Religionsfreiheit, wie sie auf dem Konzil definiert und durch das Lehramt der Päpste seither vertieft worden ist, hat nämlich nichts mit einer Relativierung des Wahrheitsanspruchs im Allgemeinen und dem der katholischen Kirche im Besonderen zu tun. Die Kirche tritt mit den Päpsten weltweit für das grundlegende Menschenrecht auf Religionsfreiheit ein – und sieht sich dennoch als die wahre, zum Heil notwendige Kirche Christi. Doch haben die Päpste nicht noch im 19. Jahrhundert die Religionsfreiheit verurteilt? Das ist wahr, hatte aber damit zu tun, dass das, was im 18. und 19. Jahrhundert Religionsfreiheit genannt wurde, von Kirchenfeinden vorgebracht wurde, die religiöse Wahrheitsansprüche, und die der katholischen Kirche ohnehin, nicht mehr gelten ließen. Die Verurteilungen der Päpste des 19. Jahrhunderts sind vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Im katholischen Verständnis wird mit der Religionsfreiheit also nicht die Wahrheit relativiert und dem Irrtum ein Recht gewährt. Tatsächlich wird aber das Recht der vernunft- und würdebegabten Person anerkannt, ohne äußere Zwänge eine Religion zu haben – oder auch nicht zu haben. Wer sich als Katholik für die Religionsfreiheit einsetzt, der tut das also nicht nur für sich, sondern für den auf die Wahrheit und damit Gott hin offenen Menschen überhaupt.