LEITARTIKEL: Triumph des Konservatismus

Zwanzig Jahre Deutsche Einheit: Das ist heute noch ein ebenso aus der Zeit gefallenes Ereignis wie es die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 war. Denn die Wiederherstellung der staatlichen Einheit der geteilten deutschen Nation war vor allem eines: der Triumph des Konservatismus. Längst hatten sich viele Deutsche im Westen mit der Teilung abgefunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, letztlich aber vor allem nach 1968 war es der deutschen Linken gelungen, den Begriff der Nation, der von den Nazis kontaminiert worden war, vollends unmöglich und zu einem per se faschistischen Konzept zu machen. Günter Grass sah in der Teilung Deutschlands die gerechte Strafe für Auschwitz, und der „Spiegel“-Chefredakteur Erich Böhme prägte den bemerkenswerten Satz: „Ich möchte nicht wiedervereinigt werden“.

SPD und Grüne hatten in großen Teilen kein Verhältnis zum Patriotismus Helmut Kohls. Zu sehr galten ihre Sympathien zudem einem Staat, der auf deutschem Boden verwirklichte, was ihre Sehnsucht war: den Sozialismus. Die regelmäßigen Kontakte Lafontaines und Schröders mit Honecker sprechen deutschlandpolitisch eine deutliche Sprache. Dass Grass die DDR zudem als „kommode Diktatur“ verharmloste, machte vielen Linken die Distanzierung vom Arbeiter- und Bauernstaat nicht leichter.

Und sie haben ganz richtig erkannt, dass mit linkem Internationalismus eine Wiedervereinigung nicht kompatibel war. Denn sie beendete den Ausnahmezustand der Nachkriegszeit und führte das wiedervereinigte Land in die Normalität souveränen staatlichen Lebens zurück. Diese zu verteidigen aber ist ein zutiefst konservatives Unterfangen. Dazu konnten sich übrigens auch große Sozialdemokraten durchringen. Friedrich Ebert etwa sagte anlässlich der Weimarer Nationalversammlung und sozialistischen Wunschträumen, dass er Deutschland nicht an der Verfassung scheitern lassen werde. Und der Chef der Nachkriegs-SPD, Kurt Schumacher, hielt an der Wiedervereinigung ohne Wenn und Aber fest.

Leider gelang es der Linken nach 1990, diese Normalität zu torpedieren und Deutschland nicht einfach Deutschland sein zu lassen, sondern sich die Staatsräson der DDR zu leihen und Deutschland im Antifaschismus zu begründen. Außenminister Joseph Fischer etwa behauptete, dass Deutschland bestehe, um Auschwitz nie wieder möglich werden zu lassen. Der Konservative würde entgegnen: Deutschland besteht, weil die Deutschen es so wollen. Dass zivilisierte Rechtsstaaten alles tun, um solche Menschheitsverbrechen zu verhindern, versteht sich von selbst wie auch das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – und der DDR-Diktatur. Damit die geschichtliche Kontinuität dieses Gedächtnisses aber gewahrt werden kann, bedarf es eines weiteren konservativen Schlüsselbegriffs, der den der Nation auf die Handlungsebene transponiert: das Volk. Nur wenn die Deutschen sich nicht als bloße Bevölkerung in einer Verwaltungseinheit BRD betrachten, sondern als geschichtliches Kontinuum, lassen sich auch Solidarität – Solizuschlag – und Gedenken über den Konsens des Tages hinaus garantieren. Wäre schön, vom Staatsoberhaupt morgen etwas dazu zu hören. Denn mit einer „bunten Republik“ allein lässt sich kein Staat machen.