Kusch will weitermachen

Hamburgs ehemaliger Justizsenator wehrt sich gegen Anklage wegen Totschlags. Von Peter Maxwill

Kleiner Mann mit großem Hebel. Foto: dpa
Kleiner Mann mit großem Hebel. Foto: dpa

Sie ähnelt einem zerbrochenen Krückstock und bringt den Tod: Eine gekrümmte Metallleiste hat der umstrittene Sterbehelfer Roger Kusch am Dienstag in Hamburg als Weiterentwicklung für jenen Apparat vorgestellt, den er bereits 2008 als „Injektionsautomat“ der Öffentlichkeit präsentiert hatte – eine Selbsttötungsmaschine. Das jetzt vom Vorsitzenden des Vereins „Sterbehilfe Deutschland“ vorgestellte Gerät soll extrem gebrechlichen Patienten den Suizid ermöglichen: Die Sterbewilligen müssten nur den Kopf an den über dem Krankenbett installierten Hebel drücken, dann schieße tödliches Gift in ihre Venen.

Ex-Justizsenator Kusch hatte viele Zuhörer, als er seine Entwicklung im 19. Stock eines Hamburger Hochhauses vorstellte. Zwei Dutzend Journalisten waren der Einladung zum Gespräch gefolgt, nachdem die Hamburger Staatsanwaltschaft am Montag Anklage wegen Totschlags gegen Kusch und den Psychiater Johann Friedrich Spittler erhoben hatte. Sie sollen sich dem Vorwurf stellen, im November 2012 zwei Frauen bei der Selbsttötung assistiert zu haben – indem sie „selbst die Tatherrschaft über die Selbsttötung hatten“.

Die beiden 81 und 85 Jahre alten Mitglieder des Vereins sollen gesund und sozial eingebunden gewesen sein. Unmittelbar vor ihrem Suizid, so behauptet es die Staatsanwaltschaft, hätten beide mit ihrer Entscheidung gehadert, Tränen seien geflossen. Dann nahmen sie eine zuvor von Kusch beschaffte Überdosis des Malariamedikaments Chloroquin ein. Kusch wies den Vorwurf zurück, er und Spittler hätten auf illegale Weise den Tod der Frauen herbeigeführt. „Wir sehen aus der Anklage keinerlei Anlass, irgendetwas zu ändern“, sagte er. Der von ihm gegründete und geleitete Verein arbeite verfassungskonform und ethisch richtig. Es habe bei dem konkreten Fall aber tatsächlich eine Neuerung gegeben: Anders als sonst üblich, sei Psychiater Spittler auch während des Suizids bei den Frauen geblieben.

Kusch wies auch weitere Vorwürfe zurück: Er verdiene als Vereinsvorsitzender nicht an der Suizidbegleitung, der bis zu 7 000 Euro teure Mitgliedsbeitrag komme allein dem Verein zugute, sagte er. Auch habe er mit seinem Verhalten nicht einen Rechtsstreit herbeiführen wollen, wie es die Staatsanwaltschaft behauptet. Seit 2010 habe der Verein 118 Menschen beim Suizid begleitet, im Jahr 2013 sollen es 41 gewesen sein. Laut Kusch hat der Verein derzeit 456 Mitglieder, 300 traten allein im vergangenen Jahr bei. Vertreten lassen sich Kusch und Spittler vor Gericht von den Rechtsanwälten Walter Wellinghausen und Stefanie Kemper. Siegesgewiss gab sich vor allem Wellinghausen, der den Staatsanwälten schwere Vorwürfe machte: Die Beachtung der Rechtsgrundlagen sei „allenfalls im Ansatz gelungen“. Er warf der Anklagebehörde zudem „Überheblichkeit“, „Eifer“ und „handwerkliche Fehler“ vor. Er selbst setze auf die in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankerte „freie Entscheidung des Menschen“ sowie die im Grundgesetz als höchstes Gut festgeschriebene Menschenwürde. Sollte es zu einem Prozess kommen, womit laut Wellinghaus frühestens im Herbst zu rechnen ist, müssten zwangsläufig Freisprüche fallen.

Das befürchtet auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz, die zu den größten Kritikern organisierter Sterbehilfe zählt. „Kommt es überhaupt zum Prozess, dann hat Herr Kusch wieder eine Bühne. Aber es wird wahrscheinlich keine Verurteilung geben“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Eine strenge gesetzliche Regelung sei daher unbedingt notwendig. Denn wer ein Angebot schaffe, erzeuge auch eine Nachfrage: „Das ist nicht Selbstbestimmung, sondern Fremdbestimmung.“

Weitermachen wollen die beschuldigten Sterbehelfer so oder so. Schon seit längerem warten Kusch zufolge zwei Vereinsmitglieder auf ihren Tod. Ihnen habe zuletzt die Kraft gefehlt, um den Knopf an seinem „Injektionsautomaten“ zu betätigen, sagte der Vereinsvorsitzende. Dieses Problem dürfte mit dem nun vorgestellten Hebel wohl gelöst sein.