Kroatien: Sanader zurückgetreten

Zagreb (DT) Der kroatische Ministerpräsident und Vorsitzende der größten Regierungspartei HDZ, Ivo Sanader, ist am Mittwoch überraschend von allen Ämtern zurückgetreten. Enge Vertraute des Regierungschefs meinten im Gespräch mit der „Tagespost“, Sanader wolle seiner Nachfolgerin ausreichend Zeit geben, sich vor der für 2010 angesetzten Präsidentschaftswahl und den 2011 stattfindenden Parlamentswahlen einzuarbeiten. Sanader, der Kroatien in die NATO geführt hatte und dessen größtes politisches Ziel die Mitgliedschaft seines Landes in der Europäischen Union ist, werde nach 20 Jahren politischer Tätigkeit und zehn Jahren im Parteivorsitz ganz aus der Politik ausscheiden. Er plane nicht, bei der Präsidentschaftswahl zu kandidieren. Kroatische Medienspekulationen, der Ministerpräsident habe gesundheitliche Probleme, wurden von Nahestehenden gegenüber dieser Zeitung und von Sanader selbst in einer Pressekonferenz in Zagreb dementiert. Die Nachfolge in der Regierung soll Sanaders Vertraute und bisherige Vizeregierungschefin Jadranka Kosor antreten.

Ivo Sanader entstammt einer katholischen Familie aus der Adriametropole Split. In Innsbruck studierte der polyglotte Politiker Literaturwissenschaften. 1993 übernahm er mitten im kroatischen Verteidigungskrieg unter Präsident Franjo Tudjman für acht Jahre als stellvertretender Außenminister politische Verantwortung. Nach Tudjmans Tod errang Sanader in einem Machtkampf gegen den nationalistischen Flügel seiner Partei den Vorsitz der HDZ, die er zu einer auf dem europäischen Parkett angesehenen christdemokratischen Partei wandelte. Ende 2003 wurde Ivo Sanader Regierungschef, wobei er bewusst auch die Parteien der nationalen Minderheiten einband. Neben der wirtschaftlichen Stabilisierung Kroatiens widmete sich der christdemokratische Politiker vor allem der Aussöhnung mit Kroatiens Nachbarn und dem EU-Beitritt seines Landes.