Kommentar: Weltmacht und Reich der Mitte

Von Stephan Baier

Beim Gipfel der „Blockfreien“ in Teheran konnte Ägyptens Präsident wagen, den Gastgeber Iran zu brüskieren, indem er Unterstützung für die syrischen Rebellen forderte. Zuvor in Peking dagegen musste sich Mohammed Mursi um Konsens bemühen. Am Ende seiner China-Visite stand darum eine chinesisch-ägyptische Erklärung, die der Doktrin Pekings folgt, sich also gegen eine ausländische Militärintervention in Syrien wendet. Will Kairo eine regionalpolitische Rolle spielen, dann ist es ratsam, sich bei der Weltmacht China Rückendeckung zu holen, das weiß auch der politische Neueinsteiger aus der Muslimbruderschaft.

Und das weiß selbstverständlich auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die nun mit einer rekordverdächtig großen Delegation das „Reich der Mitte“ besuchte. Rückendeckung und Rückenstärkung bekam die Kanzlerin in Peking für ihren Kurs, den Euro zu stabilisieren und kein Euro-Mitglied zu verstoßen. Die Chinesen wollen, dass die Europäer endlich ihre Währung stabilisieren und ihre Wirtschaft in Schwung bringen – nicht etwa, weil sie Mitleid mit den Darniederliegenden hätten, sondern weil sie den Absatzmarkt Europa für ihre Waren brauchen. Das bevölkerungsreichste Land der Welt versteht sich als ökonomische Weltmacht und als geopolitisches „Reich der Mitte“. Der Weltmarkt interessiert die Führungskaste in Peking mehr als die gigantischen sozialen Probleme Chinas und die Freiheitssehnsucht von Intellektuellen und Bloggern. China ist gewohnt, den fallenden Dollar aufzufangen, und es ist bereit, nun den Europäern zu helfen. Doch beides hat seinen Preis: Wie Hillary Clinton in Peking das Thema Menschenrechte nur ganz zart – für die heimischen Medien und Menschenrechtsorganisationen eben – intonierte, so auch Merkels deutsche Megadelegation. Chinas Rekorde bei der Todesstrafe oder die Unterdrückung der Tibeter anzuprangern, mag edel sein. Doch Wirtschaftsverträge im Volumen von 4,8 Milliarden Euro und Zusagen bei der Euro-Rettung nach Hause zu bringen, ist auch Angela Merkel wichtiger.