Kommentar: Taktik statt Strategie

Von Oliver Maksan

Das Schlimmste dürfte das Heilige Land hinter sich haben. Die seit Dienstag früh geltende Waffenruhe ist die erste, die diesen Namen verdient. Die geschundene Bevölkerung Gazas kann erstmals seit Wochen wieder aufatmen. Ihren Augen bietet sich derweil ein Bild der Verwüstung. Erleichtert sind vorläufig auch die Bewohner der israelischen Grenzstädte zum Gazastreifen, die wieder an so etwas wie Alltag denken können.

Die Ironie: Die Hamas ließ sich jetzt genau auf den bedingungslosen Waffenstillstand mit anschließenden Verhandlungen unter ägyptischer Vermittlung ein, den sie drei Wochen zuvor noch mit großer Geste abgelehnt hatte. Jetzt, hunderte Tote, tausende Verletzte und hunderttausende Flüchtlinge später glauben die Islamisten, die nötige Verhandlungsstatur erreicht zu haben. Gerade noch rechtzeitig haben beide Seiten eingelenkt, um weiteren Schaden von sich abzuwenden. Die Hamas ist massiv geschwächt worden, hat Tunnels, Kämpfer und einen Großteil ihrer Raketen verloren. Das zu erwartende PR-Desaster hat sie Israel derweil beibringen können. Tote palästinensische Kinder sind noch immer die schärfste Waffe der Hamas. Israel seinerseits geriet nach völkerrechtlich fragwürdigen Angriffen etwa auf UN-Schulen immer mehr unter Druck. Kaum war der letzte Tunnel zerstört, zog Netanjahu deshalb seine Truppen ab.

Nun wird also verhandelt. Es ist in den letzten Wochen endlos wiederholt worden, wird aber dadurch nicht falsch: eine militärische Lösung kann nicht an die Stelle einer umfassenden politischen treten. Hier ist vor allem Israel als Besatzungsmacht in der Bringschuld. Aus dieser Verantwortung kommt es auch durch den Verweis auf sein legitimes Selbstverteidigungsrecht nicht heraus. Schon jetzt ist absehbar, dass Taktik wieder über Strategie siegen wird, dass der Status quo ante das Ziel ist. Diplomatische Initiativen, die den Stier bei den Hörnern packen und die Gaza-Frage im weiteren Kontext angehen, scheut Netanjahu hingegen: Sie könnten nämlich erfolgreich sein.