Kommentar: Potemkinsche Dörfer

Von Oliver Maksan

Das Gezerre um den Besuch des Heiligen Vaters in seiner Heimat wird immer grotesker. Täglich fällt irgendjemandem etwas Neues ein. Man rechnet ihm die Kosten vor, kritisiert seinen Eintrag ins Goldene Buch in Freiburg, plant peinliche Gegendemonstrationen und erteilt ihm unablässig gute Ratschläge, worüber er sich doch äußern möge (Sexualmoral, Ökumene), solle sein Besuch keine Enttäuschung werden. Und jetzt will auch noch die halbe Fraktion der „Linken“ der Rede des Papstes im Reichstag fernbleiben. Man könnte wirklich meinen, der Feind des Menschengeschlechtes wolle sich da an das deutsche Parlament wenden. Doch dient der angekündigte Boykott von Teilen von SPD, Grünen und vor allem der „Linkspartei“ der Ehrlichkeit: der Papst erhält gleich am ersten Besuchstag eine Ahnung davon, wohin er kommt. Zwar wird er nicht vor leeren Reihen sprechen. Die Lücken werden aufgefüllt sein mit hektisch zusammengekarrten Alt-Parlamentariern. Doch werden diese Potemkinschen Dörfer nicht darüber hinwegtäuschen können, dass sein Heimatbesuch kein Heimspiel werden wird.

Tatsächlich sind aber die pubertären Boykotteure das kleinere Problem. Das wird der Papst mit Noblesse und Demut verkraften. Viel bedenklicher sind hingegen all die Abgeordneten – die aus den „C“-Fraktionen voran –, die den Papst adrett beklatschen und seine wegweisenden Worte loben werden, sich ansonsten aber wenig um seine Lehre scheren. Genau dieses Parlament nämlich war es, das nach diversen rednerischen Sternstunden mit der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik für die Selektion von Menschen votiert hat. Das ist die eigentliche moralische Bankrotterklärung der deutschen Volksvertreter. Die Absenz der vereinigten Linksfront ist da nun wirklich zu verkraften. Und vielleicht hat sie auch ihr geschichtspolitisch Gutes: Gewiss werden die Moralisten der Ex-SED nach dem Papstbesuch das DDR-Unrecht genauso konsequent anklagen wie jetzt den Papst.