Kommentar: Liberia macht es der EU vor

Von Guido Horst

Es geht nicht um die Zahlen. Zwar hatte der italienische Innenminister Roberto Maroni vor nicht ganz zwei Monaten von einem „Exodus biblischen Ausmaßes“ gesprochen, der von Nordafrika aus auf Europa zukäme. Aber bis jetzt sind knapp über zwanzigtausend Flüchtlinge in Lampedusa gelandet. Sie wurden auf Aufnahmelager in Italien verteilt und viele sind schon weitergereist. Im Vergleich zu dem, was Europa etwa während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien zu schultern hatte, sind das nur Peanuts.

Aber es geht darum, ob das politische Europa bei humanitären Katastrophen vor seiner Haustür noch funktioniert. Schon zwei Monate tröpfeln wirkliche Flüchtlinge und Wirtschaftsasylanten über den Stiefelstaat nach Europa ein – und außer Streit und gegenseitigen Schuldzuweisungen hat man von den europäischen Partnern nicht viel gehört. Zuletzt hat Italien für Unmut gesorgt, als es mit befristeten Aufenthaltsgenehmigungen für die Bootsflüchtlinge diesen die Türen in andere Schengen-Staaten öffnen wollte. Da war es höchste Zeit, dass die europäischen Innenminister gestern in Luxemburg über ein gemeinsames Vorgehen beraten haben.

Aber im Grunde geht es darum, ob das reiche Europa überhaupt noch willens ist, Menschen zu helfen, die in Not geraten sind. Jetzt hat der Präsident des Päpstlichen Migrantenrats, Erzbischof Veglio, auf den bitterarmen afrikanischen Staat Liberia hingewiesen, der 120 000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland Elfenbeinküste aufgenommen hat. Liberia zeige damit eine außergewöhnliche Solidarität und könne für Europa nur ein Vorbild sein. Aber auch bei denen, die des Geldes wegen nach Europa kommen, muss man zweimal hinschauen. So hat der Präsident der Region Abruzzen vorgerechnet, dass von 33 000 Neugeborenen pro Jahr in seiner Region achttausend Einwandererkinder seien. Die brauche er aber auch, sonst lege der Bevölkerungsrückgang bei den Einheimischen die Wirtschaft lahm. Ein sich abkapselndes Europa der aussterbenden Reichen wird jedenfalls auf Dauer nicht lebensfähig sein. (siehe Seite 2)